PERSÖNLICHE MEINUNG / KOMMENTAR
Es gibt Sätze, die verändern eine Stadt. „Die Leibstraße wird umgebaut“ gehört in Haar zweifellos dazu. Seither genügt offenbar schon das Geräusch einer Motorsäge, um den kommunalpolitischen Puls gefährlich in die Höhe zu treiben.
Nun wurde vor dem Buchladen in der Leibstraße ein Baum gefällt. Ein Vorgang, der andernorts vielleicht mit einem bedauernden Blick auf den verbliebenen Stumpf zur Kenntnis genommen worden wäre. Nicht so in Haar – genauer gesagt: auf Facebook. Dort wurde aus dem Baum binnen weniger Stunden ein Politikum, ein Lehrstück über Transparenz, Verkehrssicherheit, soziale Medien und die Frage, wer eigentlich wen hätte zuerst fragen sollen.
Den Anfang machte Stadtrat Ulrich Leiner von den Grünen. Man wisse nicht, ob der Baum wegen des Straßenumbaus oder aus anderen Gründen gefällt worden sei. Deshalb wolle man im Stadtrat nachfragen. Bäume seien schließlich wertvoll und grundsätzlich zu schützen. Und schwupp – das Foto vom gekappten Baumstumpf war online.
Die Frage war berechtigt und zunächst auch vorsichtig formuliert. Allerdings in jener bewährten Social-Media-Form, bei der die Frage bereits öffentlich im Raum steht, während die Antwort noch auf dem Weg dorthin ist. Das ist ein wenig so, als würde man vor einem Restaurant posten: „Wir wissen nicht, ob hier wegen hygienischer Mängel geschlossen wurde. Deshalb fragen wir nach.“ Rein sprachlich keine Behauptung. Appetitanregend ist es trotzdem nicht.
Bürgermeister Andreas Bukowski lieferte die Antwort persönlich: Der Baum sei stark geschädigt gewesen, habe erhebliche Vitalitätsmängel und einen hohen Anteil an Totholz im Stark- und Schwachastbereich aufgewiesen. Pflegemaßnahmen hätten keine nachhaltige Verbesserung mehr bewirken können. Die Fällung sei allein aus Gründen der Verkehrssicherheit erfolgt und habe mit dem Umbau der Leibstraße nichts zu tun.
Damit hätte der Fall eigentlich beendet sein können: Baum schwer geschädigt, Baum potenziell gefährlich, Baum weg. Ob und wann ein neuer gepflanzt wird, hätte man noch klären können. Akte zu.
Doch Bukowski konnte sich einen kleinen Nachsatz nicht verkneifen. Für eine gedeihliche Zusammenarbeit wäre es künftig schön, wenn ein Stadtratsmitglied zunächst bei der Verwaltung oder bei ihm nachfragen würde, anstatt über soziale Medien Spekulationen anzuheizen.
Spätestens jetzt war klar: Hier war nicht nur ein Baum gefällt worden. Auch das zarte Pflänzchen der gedeihlichen Zusammenarbeit zeigte, wie in Haar so oft, erhebliche Vitalitätsmängel. Und so begann unter dem Beitrag jene demokratische Form der Baumpflege, die Facebook besonders gut beherrscht:
Die einen fanden Leiners Beitrag vollkommen neutral. Die anderen sahen darin vor allem den Wunsch nach öffentlicher Aufmerksamkeit. Wieder andere verlangten, die Stadt müsse künftig vor Baumfällungen informieren. Am besten vermutlich mit Pressekonferenz, Livestream und einer mehrteiligen Videoreihe: „Baumkontrolle aktuell – heute: Totholz in der Leibstraße.“
Leiner wiederum machte aus seiner zunächst offenen Nachfrage zunehmend eine Grundsatzfrage kommunaler Informationspolitik. Die Verwaltung hätte vor der Fällung informieren oder wenigstens die Mitglieder des Bauausschusses in Kenntnis setzen sollen. Dann hätten die Stadträte Fragen aus der Bevölkerung direkt beantworten können.
Damit war aus dem Baumstumpf endgültig ein ausgewachsener Zuständigkeitsbaum geworden: Die Verwaltung hätte den Stadtrat informieren sollen, der Stadtrat die Bevölkerung – allerdings möglichst erst, nachdem er die Verwaltung gefragt hat, warum sie den Stadtrat nicht informiert hat.
Ein Kommentator diagnostizierte dem Baum anhand des Stumpffotos sogar Kerngesundheit. Das dürfte die Arbeit professioneller Baumkontrolleure künftig erheblich erleichtern. Aufwendige Untersuchungen der Krone, des Totholzanteils oder der Stand- und Bruchsicherheit könnten entfallen. Es genügt, den Baum zunächst zu fällen, anschließend den Stumpf zu fotografieren und die Schwarmforstwirtschaft entscheiden zu lassen. Der vermeintliche Baumexperte erntete allerdings nicht nur fachlichen Widerspruch sondern vor allem auch Spott über sein Profilbild. Spätestens da war klar: Der einzige Stamm, an dem noch kräftig gesägt wurde, war der gute Ton.
Zwischendurch wurde die Debatte noch um eine Rechtschreibbelehrung bereichert. Außerdem erklärte eine Kommunalpolitikerin, sie sei grüner als manche Grünen, wirtschaftsorientierter als manche FDPler und sozialer als manche SPDler. Wenig später ging es um „rein grüne Neuronen“ und darum, wer wie lange in welchem Land gelebt hatte. (Der Baum selbst hatte sich spätestens zu diesem Zeitpunkt endgültig aus der Diskussion verabschiedet.)
Andere wollten schlicht wissen, wann ein neuer Baum gepflanzt werde. Eine durchaus vernünftige Frage, die im allgemeinen Getöse beinahe unterging – und prompt in eine kurze Nebendebatte darüber mündete, ob in Haar eigentlich gegossen werden darf. Darf man. Immerhin das konnte geklärt werden.
Mit inzwischen rund 75 Kommentaren entwickelte der Beitrag eine ungewöhnlich üppige Krone – so viel Resonanz gibt es dort sonst eher selten auf Verwaltungsthemen. Die eigentliche Geschichte ist dabei erstaunlich unspektakulär: Ein nach Angaben der Stadt schwer geschädigter Baum musste aus Sicherheitsgründen entfernt werden. Ein Stadtrat fragte öffentlich nach. Der Bürgermeister antwortete öffentlich und fügte eine öffentliche Rüge hinzu. Der Stadtrat machte daraus eine Frage der kommunalen Informationspolitik. Anschließend stritten alle öffentlich darüber, wer die Angelegenheit unnötig öffentlich gemacht hatte.
Vielleicht braucht Haar deshalb weniger ein neues Informationskonzept für jede einzelne Baumfällung als eine kommunale Gießkanne für überhitzte Gemüter? Und natürlich einen neuen Baum. Möglichst robust. Denn was in der Leibstraße künftig Wurzeln schlägt, muss offenbar nicht nur das Klima aushalten, sondern auch die Kommentarspalte.
