In Haar wird fremdgekuschelt

von Eva Bistrick

Es gibt Momente, in denen man einfach kurz innehält. Nicht wegen eines politischen Skandals oder weltbewegender Ereignisse, sondern weil einem beim Abendessen plötzlich jemand vollkommen selbstverständlich erzählt: „Du, ich war in Haar auf einer Kuschelparty, Eintritt pro Person 35 Euro für 3 Stunden umarmen, war echt mal was anderes.“

Und während andere Menschen auf solche Informationen vermutlich mit einem höflichen „Aha“ reagieren, beginnt mein Gehirn sofort zu arbeiten. Natürlich gibt es Kuschelparties. Warum auch nicht. In einer Region, in der man in Vaterstetten bereits beschwingt beim Sip & Paint ein Gläschen Wein trinkt und sich in Baldham beim Wein-Yoga mit Sauvignon Blanc spirituell entkorkt oder in der Gruppe besinnlich spazieren geht, erscheint gemeinsames Kuscheln mit Fremden eigentlich nur als der logische nächste Schritt moderner Freizeitkultur.

Also recherchiere ich los.

Und tatsächlich: In Haar lädt eine so genannte Lebens- und Liebesschule regelmäßig zu Kuschelpartys ein. Ein Begriff, der zunächst klingt wie eine Mischung aus Kindergeburtstag, Paartherapie und ambitioniertem Hygge-Wahn. Dahinter steckt allerdings ein durchaus ernst gemeintes Konzept. Es geht um Nähe, Geborgenheit und achtsame Berührung. Nicht um Erotik – das wird auf der Website mit der Entschlossenheit eines Beipackzettels mehrfach betont.

„Das Ganze läuft sehr organisiert ab”, erklärt mir meine Bekannte. “Bevor überhaupt irgendjemand in Reichweite einer Umarmung kommt, werden Regeln erklärt.” Sehr viele Regeln. Grenzen respektieren, Konsens einholen, achtsam kommunizieren. Vermutlich wird selten irgendwo noch so höflich gefragt: „Wäre es für dich angenehm, wenn ich mich leicht an deine Schulter lehne?“ Ich wünschte mir, im Flugzeug würde mir sowas mal einer sagen, bevor er mir auf die Schulter sabbert.

Wie ich später auf der Website lese, gilt es nach den Grundregeln darum, gemeinsam „anzukommen“. Es werden Übungen zum Vertrauensaufbau gemacht, Gesprächsrunden und schließlich die Möglichkeit zum Kuscheln. Erwachsene Menschen treffen sich also freiwillig in einem warm beleuchteten Raum, setzen sich in bequemer Kleidung auf Matten und versuchen gemeinsam, wieder ein bisschen menschliche Nähe zuzulassen. Für Geld. Je länger ich mich damit beschäftige, desto weniger kurios erscheint mir die Idee eigentlich.

Denn bei aller Skurrilität steckt dahinter ein erstaunlich nachvollziehbarer Wunsch: Menschen möchten sich wieder verbunden fühlen. Ohne Dating-App. Ohne Smalltalk-Marathon. Ohne dabei gleichzeitig einen Businessplan pitchen oder Schrittzahlen vergleichen zu müssen. Vielleicht erklärt genau das den Erfolg solcher Veranstaltungen. Wir leben schließlich in einer Zeit, in der man Essen per App bestellt, Ex-Partner blockt und sich teilweise seinem Paketboten näher fühlt dem eigenen Nachbarn. Da wirkt die Idee eines Abends voller absichtsloser Nähe plötzlich gar nicht mehr so weltfremd — sondern fast schon wohltuend entschleunigt.

Besonders faszinierend finde ich dabei die Sprache solcher Konzepte. Dort wird nicht einfach gekuschelt. Nein, man „öffnet geschützte Räume“, „kommt vom Denken ins Fühlen“ oder „darf sich getragen erleben“. Das klingt weniger nach Landkreis München und mehr nach einem sehr sanften Paralleluniversum, in dem niemand E-Mails beantworten muss und alle grundsätzlich barfuß sind.

Und vielleicht ist genau das das eigentlich Kuriose daran: Dass ausgerechnet in einer Zeit voller Dauerstress, Push-Nachrichten und sozialer Erschöpfung plötzlich Veranstaltungen boomen, bei denen Menschen einfach nur nett zueinander sein wollen. Ohne Leistungsdruck. Ohne Erwartungen. Ohne dabei gleichzeitig Kalorien zu verbrennen oder Personal Branding zu betreiben.

Man muss das nicht alles sofort verstehen. Aber vielleicht auch nicht vorschnell belächeln. Denn während die einen eben Marathon laufen, Wein-Yoga machen oder leicht beschwipst abstrakte Sonnenuntergänge malen, suchen andere ihr kleines Stück Entspannung offenbar in einer achtsamen Umarmung unter Fremden.

Und seien wir ehrlich: In einer Welt voller Breathwork-Retreats, Eisbäder und astrologischer Business-Coachings wirkt Kuscheln fast erfrischend unkompliziert.