Quelle: HENN

Vaterstettenerin gestaltet Bellevue neu

von Markus Bistrick

Katrin Jacobs wächst als älteste von drei Schwestern in Vaterstetten auf, besucht die Grundschule an der Wendelsteinstraße, anschließend das Gymnasium Vaterstetten. Dort macht sie Abitur und zieht 1996 nach Rosenheim, um an der Technischen Hochschule Innenarchitektur zu studieren. Dass die heute 49-Jährige einmal etwas mit Räumen machen möchte, weiß sie früh. „Ich habe schon als Kind ständig mein Zimmer umgestaltet“, sagt sie im Gespräch mit B304.de. Jetzt gestaltet die renommierte Innenarchitektin Räume, in denen Staatsgäste empfangen, Orden verliehen und Pressekonferenzen abgehalten werden. Die Mutter von Carlo und Hector leitet bei Henn, einem international tätigen Architekturbüro, den Bereich Interior Design – und hat gerade zusammen mit ihrem 20-köpfigen Team den Auftrag für die Neugestaltung von Schloss Bellevue in Berlin gewonnen.

Dass ausgerechnet ihr Team einmal Schloss Bellevue, den Amtssitz des Bundespräsidenten, gestalten würde, damit hatte Katrin Jacobs nicht gerechnet. Mehr als 70 Büros hatten sich für das öffentliche Vergabeverfahren interessiert, nur ein kleiner Teil kam in die entscheidende Runde. Denkmalschutz, historisches Schloss, Repräsentationsräume – nicht unbedingt das Terrain, für das Henn bekannt ist. Für gewöhnlich sind es Projekte für die Automobilindustrie, Krankenhäuser, Labore und Forschungseinrichtungen, aber auch das „Haus der Kommunikation“ von Serviceplan oder die Räume von BestSecret im Münchner Werksviertel. Alles eher clean, minimalistisch.

Das Schloss Bellevue, Amtssitz des Bundespräsidenten, in Berlin wird derzeit aufwändig saniert. (Foto: adobestock/JFL Photography)

Bis an einem Freitagnachmittag das Telefon von Katrin Jacobs klingelt. „Hier spricht das Bundespräsidialamt.“ Ihr erster Gedanke: „Das kann nicht stimmen.“ Es stimmte. Die Jury hatte sich einstimmig für den Entwurf ihres Teams entschieden.

Der gestalterische Spielraum in Bellevue ist auf den ersten Blick überschaubar. Stuck und Parkett bleiben, Eingriffe in die historische Bausubstanz sind kaum möglich. Im Wesentlichen geht es um Möbel, Teppiche, Vorhänge und Farben. Für Jacobs lag genau darin die Gefahr. „Das reduziert Innenarchitekten schnell zu Kissenknickern und Vorhangaussuchern – aber das ist ein Klischee.“

Kreativität entwickelt sich nicht im luftleeren Raum. Neben Ausbildung und Erfahrung braucht es eine außergewöhnliche Idee, die so viel mehr ist als die Frage, ob ein Vorhang nun blau, beige oder grün wird. Das Konzept: Jeder Raum erhält ein eigenes Thema, abgeleitet aus demokratischen Werten. Erinnerungskultur, Pressefreiheit, Generationenverantwortung, Zivilcourage oder Volkssouveränität werden gestalterisch übersetzt.

Ein Traum in Sepia: Der neue Weizsäcker-Salon, der dem Thema “Erinnerung” gewidmet ist. (Bildrechte: Henn Architekten)

Beim Thema Erinnerung etwa arbeitet das Team mit Sepia- und Brauntönen, Spiegel als Symbol der Reflexion sowie einer Mischung aus alten und neuen Möbeln. Auch Wandleuchten aus der DDR sollen eine Rolle spielen. Bei der Pressefreiheit stehen Transparenz und Klarheit im Mittelpunkt: Glas, Schwarz-Weiß-Kontraste. Kurzum: Aus unseren Grundwerten werden Farben, Materialien und damit Räume, die etwas darüber erzählen, wie sich die Bundesrepublik selbst versteht. Dazu passen keine goldenen Wasserhähne. Oder wie es Jacobs beschreibt: „Nicht pompös oder expressiv, sondern geradlinig und deutsch-zurückhaltend.“

Bei aller Unterschiedlichkeit der Räume gibt es aber auch verbindende Elemente. Tische und Stühle ziehen sich wie ein roter Faden durch das Konzept. Je nach Raum unterscheiden sich Größe und Form, die gestalterische Grundidee bleibt.

Konzentrierte Atmosphäre: Der neue Robert-Blum-Saal ist dem Thema “Volkssouveränität” gewidmet. (Bildrechte: Henn Architekten)

Bis die ersten Gäste in den neugestalteten Räumen Platz nehmen, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Schloss Bellevue steht vor einer umfangreichen General-Sanierung, für die insgesamt rund acht Jahre vorgesehen sind. Bevor also Teppiche ausgerollt und Stühle aufgestellt werden, müssen erst einmal die wesentlich weniger glamourösen Dinge geklärt und umgesetzt werden. Katrin Jacobs weiß aus Erfahrung: Ein gewonnener Wettbewerb ist das eine, das fertig gebaute Ergebnis das andere. Kosten, technische Vorgaben und Entscheidungen während der Planung können einen Entwurf noch erheblich verändern.

Bleiben am Ende alle vorgesehenen Farben? Die DDR-Leuchte? Der Thonet-Stuhl? „Das glaube ich eher nicht“, sagt Katrin Jacobs. Vielleicht werde eine Farbe geändert, vielleicht erweise sich ein Stuhl als nicht bequem genug. „Man muss realistisch sein – solche Prozesse sind dynamisch.“

Egal wie, herzlichen Glückwunsch zu dem großartigen Erfolg.