Gefängnisaufenthalte, Konflikte mit der Polizei, Verurteilungen wegen Kurpfuscherei und eine adelige Kundschaft, zu der Mitglieder der russischen Zarenfamilie und möglicherweise sogar Kaiserin Sisi gehörten: Das Leben von Amalie Hohenester bot reichlich Stoff für Schlagzeilen. Die gebürtige Vaterstettenerin gehört wohl zu den schillerndsten Frauen, die unsere Gemeinde hervorgebracht hat.
Ihre Wiege stand in Vaterstetten. Am Heimerer Hof, dem heutigen Alten Hof, wurde sie am 4. Oktober 1826 um 9 Uhr abends als neuntes Kind der Eheleute Michael und Philippine Nonnenmacher geboren. Bereits am folgenden Tag taufte sie Pfarrer Berghammer in der Pfarrkirche Ottendichl auf den Namen Amalie.
Ihr Vater war Protestant und im Zuge der Ansiedlung der Pfälzer in unsere Gegend gekommen. Im Jahr 1808 wurde er zum ersten Gemeinderat von Vaterstetten gewählt. Ihre Mutter Philippine, geborene Huttler, war eine Tochter von Georg Huttler, der das Heimerer Anwesen erworben hatte.
Der katholische und kaisertreue Georg Huttler hatte in Vaterstetten eine neue Heimat gefunden. Aus Treue zum Habsburger Reich verhalf er im Jahr 1805 rund 30.000 österreichischen Soldaten zur Flucht vor dem anrückenden französischen Heer. Wegen Landesverrats wurde er dafür am 12. Oktober 1805 am Karlstor hingerichtet.
Für seine Familie war dies ein tragischer Verlust, der vermutlich wesentlich zu ihrer späteren Verarmung und ihrem sozialen Abstieg beitrug. Auch Amalie, die nach ihrer Heirat den Namen Hohenester trug, geriet später mit dem Gesetz in Konflikt. Gleichzeitig entwickelte sie sich durch ihre Willensstärke und ihr außergewöhnliches Charisma zu einer weithin bekannten und bewunderten Persönlichkeit.
Als „Doktorbäuerin“ verstand sie es, mit ihrem bezaubernden und zugleich durchdringenden Blick aus tiefschwarzen Augen zahlreiche Menschen in ihren Bann zu ziehen. Sie begann, Kranke zu behandeln, und wurde mehrmals wegen Kurpfuscherei verurteilt. Geschadet hat ihr das allerdings kaum. Im Gegenteil: Je größer der Streit um ihre Behandlungsmethoden wurde, desto bekannter wurde sie.
Den endgültigen Durchbruch brachte Mariabrunn im heutigen Landkreis Dachau. Ende 1862 erwarben Amalie Hohenester und ihr Mann dort ein heruntergekommenes Heilbad. Innerhalb weniger Jahre machten sie daraus einen Kurort mit internationalem Ruf.
Bald kamen nicht mehr nur wohlhabende Münchner nach Mariabrunn. Auch Adelige aus Preußen, Österreich und Russland reisten an, um sich von Amalie Hohnester behandeln zu lassen. Zu den prominenten Namen, die mit ihr in Verbindung gebracht werden, gehören Mitglieder der Familien Romanow und Rothschild sowie angeblich sogar Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt als Sisi. Ob die österreichische Kaiserin tatsächlich von der gebürtigen Vaterstettenerin behandelt wurde, ist allerdings nicht eindeutig belegt.
Im Jahr 1878 starb Amalie Hohenester im Alter von nur 51 Jahren. Schon bald danach verlor auch das Heilbad Mariabrunn seinen Glanz. Ihre Nichte versuchte zwar, den Betrieb weiterzuführen, doch ohne die charismatische Doktorbäuerin ließ sich der frühere Erfolg nicht fortsetzen.
Bis heute ranken sich zahlreiche Geschichten und Legenden um Amalie Hohenester. Ihr außergewöhnliches Leben wurde schließlich sogar verfilmt: Für den Fernsehfilm „Mali“ schlüpfte Christine Neubauer 1997 in die Rolle der Wunderheilerin.
200 Jahre nach ihrer Geburt ist es daher an der Zeit, sich in ihrer Heimatgemeinde wieder an diese außergewöhnliche Frau und ihre bewegte Geschichte zu erinnern.
