Vaterstetten trauert um Karlheinz Böhm

von Markus Bistrick

Karlheinz Böhm ist tot. Er verstarb am Donnerstag (29.5.) nach langer Krankheit. Auch die Gemeinde Vaterstetten und der Verein für die Partnerschaft mit Alem Katema e.V. trauern um einen langjährigen Gemeindebürger, Freund und Wegbegleiter. Der ehemalige Schauspieler brachte vor über 20 Jahren Vaterstettens damaligen Bürgermeister Peter Dingler auf die Idee der einzigartigen Städtepartnerschaft. Dessen Nach-Nachfolger im Amt Georg Reitsberger würdigt Böhm als „einzigartigen Menschen und Bürger auf den jede Gemeinde nur stolz sein könne.“ Böhm war bis 1994 über 20 Jahre Baldhamer Bürger. Seine Tochter, die Schauspielerin Katharina Böhm, wohnt noch heute in ihrem Elternhaus.

„Ohne Karlheinz Böhm gäbe es uns nicht“, so Anton Stephan, der 1. Vorsitzende des Partnerschaftsvereins: „Wir trauern um einen großartigen Menschen. Vor über 30 Jahren hat er sein ganzes Leben nur noch diesem einen Thema gewidmet – das bewundern wir sehr.” Man hätte Böhm gern noch in diesem Jahr zur 20-Jahr-Feier des Vereins im Juli begrüßt – aufgrund seiner Alzheimer-Erkrankung sei dies aber leider ohnehin unrealistisch gewesen.

Das Mitgefühl der Vereinsführung gilt auch den Hinterbliebenen – vor allem seiner Frau Almaz Böhm, der Vorstandsvorsitzenden der Stiftung „Menschen für Menschen“. “Trotz der Verwirrungen um MfM in den vergangenen Jahren, stehen wir weiterhin fest zu dieser Organisation und pflegen weiterhin engen Kontakt”, erklärt Anton Stephan.

 

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Ein Mensch, wie es ihn nur selten gibt

Karlheinz Böhms Leitmotiv war die Wut über die ungerechte Verteilung zwischen Arm und Reich. Er sah Wut nicht als destruktive Kraft, sondern als Ansporn etwas zum Positiven zu verändern und zu handeln. Sein Ziel war es am Beispiel Äthiopiens zu zeigen, dass eine gerechtere Welt möglich ist. Die Bevölkerung Äthiopiens soll in einem überschaubaren Zeitraum befähigt werden, ihre Lebenssituation aus eigener Kraft zu verbessern, bis sie eines Tages keine Hilfe mehr benötig. Dieses Ziel hat er in beeindruckender Weise und mit großer Entschiedenheit verfolgt. Dabei war er nie bequem, stets kritisch, oft streitbar, aber immer zutiefst nahbar. Er verstand es wie kein Zweiter, Menschen für eine Sache zu begeistern und zu motivieren. Die Welt verliert mit Karlheinz Böhm einen Menschen, wie es sie nur selten gibt.

 

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Für sein herausragendes Engagement und Lebenswerk wurde Karlheinz Böhm mit zahllosen Auszeichnungen und Würdigungen bedacht: So erhielt er unter anderem das Große Bundesverdienstkreuz am Bande von der Bundesrepublik Deutschland, das Große Goldene Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich, den Bayerischen Verdienstorden, die Ehrenmedaille in Gold der österreichischen Bundeshauptstadt Wien, den Save-the-World Award, den Bambi, das Filmband in Gold, die Berlinale Kamera und den UNESCO-Ehrenpreis. In Äthiopien wurde er 2003 als erster Ausländer mit der äthiopischen Ehrenstaatsbürgerschaft ausgezeichnet sowie mit Ehrendoktorwürden der äthiopischen Universitäten in Jimma und Alemaya. 2011 wurde aus Anlass des 30-jährigen Bestehens von Menschen für Menschen ein Platz in der Hauptstadt Addis Abeba nach Karlheinz Böhm benannt. Darüber hinaus wurde er 2007 “für sein Lebenswerk im Dienst der Humanität” mit der höchstdotierten Friedensauszeichnung, dem Balzan-Preis, geehrt.

Als Kaiser Franz Joseph an der Seite von Romy Schneider

Am 16. März 1928 als einziger Sohn des berühmten Dirigenten Prof. Dr. Karl Böhm und der Sopranistin Thea Linhard in Darmstadt geboren, wuchs Karlheinz Böhm bedingt durch den Beruf des Vaters an mehreren Orten von Hamburg bis Dresden auf. Nach seinem Abitur 1947 in Graz begann Karlheinz Böhm, der sich immer als Weltbürger fühlte und neben der österreichischen Staatsbürgerschaft seit 2003 auch die äthiopische Ehrenstaatsbürgerschaft besaß, zunächst ein Studium der Philosophie und Philologie an der Universität Graz. Doch es zog ihn in die Schauspielerei. Über Regieassistenz und Schauspielunterricht kam Böhm 1948 zu einer ersten Rolle am Wiener Burgtheater – erste kleine Filmrollen in “Der Engel mit der Posaune” (1948) und “Haus des Lebens” (1952) folgten. 1952 gab ihm Arthur Rabenalt die Chance, sich neben Hildegard Knef und Erich von Stroheim in einer Hauptrolle zu beweisen (“Alraune”). Internationale Berühmtheit erlangte Karlheinz Böhm mit seiner Filmrolle als Kaiser Franz Joseph an der Seite von Romy Schneider in der “Sissi”-Trilogie, 1955 bis 1957. Einen Kontrapunkt zum Image des “Sissi-Kaisers” setzte er 1960 als Mark Lewis in Michael Powells aufsehenerregendem Psychodrama “Peeping Tom” (Augen der Angst). Diesen Film, den das Publikum bei seiner Erstaufführung radikal ablehnte, zählt die New York Times heute zu den Top Ten der Film-Klassiker. Nach Gastspielen in Hollywood, Theaterengagements in Europa und eindrucksvollen Charakterrollen in Rainer Werner Faßbinder-Produktionen wie “Martha” (1973) oder “Effi Briest” (1974) nahm das Leben des Filmstars in den frühen 80er-Jahren aber eine entscheidende Wende.

Karlheinz Böhm leitete die Äthiopienhilfe bis ins Jahr 2011 persönlich. Ab November 2011 war er Ehrenvorsitzender von Menschen für Menschen. Seine Frau Almaz Böhm, seit 1986 für die Organisation tätig, wurde 2008 zur geschäftsführenden Vorsitzenden und im November 2011 zur Vorstandsvorsitzenden der Stiftung gewählt. Im Zuge der Weiterentwicklung der Stiftungsorganisation (Menschen für Menschen Deutschland) wird die Tätigkeit des Vorstandes künftig noch stärker auf operative Aufgaben fokussiert. In diesem Zusammenhang hat der Vorstand Frau Almaz Böhm einstimmig zur Schirmherrin der Stiftung Menschen für Menschen gewählt. Frau Almaz Böhm hat die Wahl angenommen und ihr Vorstandsmandat niedergelegt. Sie wird weiterhin das Lebenswerk Karlheinz Böhms repräsentieren ohne mit operativen Aufgaben befasst zu sein. “Mein Mann war für mich immer Vorbild und Motivation. Er hat mir nicht nur seine Liebe geschenkt, sondern auch den Glauben daran, dass ein einzelner Mensch sehr viel Positives bewirken kann. So schwer mich sein Verlust trifft, so sehr gibt mir der Glaube an seine Vision Kraft, sein Lebenswerk weiterzuführen”, so Almaz Böhm.