Über Duft lässt sich streiten

von Wolfram Franke

Sicher kennen Sie Christrosen (Helleborus niger), die man auch Schneerosen nennt, und die ihre schneeweißen Schalenblüten, die sich – wenn man Glück hat – bereits zu Weihnachten öffnen, auf jeden Fall aber im Januar und Februar. Anschließend, ab Ende Februar blühen die Lenzrosen (Helleborus oriantalis), von denen es zahlreiche Hybriden gibt, die je nach Sorte von Februar bis April in verschiedenen rosa und purpurfarbenen Tönen blühen.

Anspruchslose Lenzrosen

Diese Christ- und Lenzrosen, die man auch unter dem deutschen Namen „Nieswurz“ zusammenfasst, gedeihen im lichten Schatten von Bäumen und Sträuchern sowie auch in voller Sonne am besten auf durchlässigem, lehmigem und dennoch humosem Boden. Im Übrigen sind sie ziemlich anspruchslos. Leider sind ihre Blätter giftig! Doch wer kommt schon auf die Idee, Lenzrosenblätter zu essen?

Stinkende Nieswurz

Im Garten eines Kollegen hatte ich vor vielen Jahren gegen Ende März eine weitere Verwandte aus der Helleborus-Gattung gesehen, eine aufrecht wachsende Staude mit dunkelgrünen, palmartigen Blättern. Sie stand üppig mit ihren hellgrünen, rot umrandeten, glockenförmigen Blüten am Wegrand. An diesem sonnigen Frühlingstag flogen ständig Hummeln ein und aus. Diese Pflanze musste ich auch haben! Helleborus foetidus lautet ihr botanischer Name, was ins Deutsche übersetzt „Stinkende Nieswurz“ heißt. Ich hatte auch erfahren, dass sich diese dekorative Staude leicht von selber aussät, wie übrigens auch alle anderen Nieswurzen. So reichte mir eine einzige Staude, die ich an sonniger Stelle an die Südseite meines Erdwalls setzte. Pflanzen, die sich selbst aussäen, erweisen sich meist als besonders robust.

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Erinnerung an Jürgen Dahls „Stinkgarten“

Kaum war der Schnee nach dem langen Winter geschmolzen, blühte meine Nieswurz in voller Pracht. Doch: Stinkende Nieswurz? – Um das festzustellen, machte ich buchstäblich einen Kniefall vor dieser Staude und schnupperte an ihren Blüten und Blättern. Der erwartete oder vermutete Gestank blieb jedoch aus. Die vermeintlich Stinkende Nieswurz ist völlig geruchlos. Sie duftet nicht einmal. Das würde ja vielleicht den Namen erklären, denn es gibt durchaus Gerüche, die manche Zeitgenossen als Duft, andere aber als Gestank empfinden. Der Journalist und Autor Jürgen Dahl (1929-2001), vielen Gartenfreunden bekannt durch seine Kolumnen „Nachrichten aus dem Garten“ in der Zeitschrift „Natur“ und später „Zeit im Garten“ im „Zeitmagazin“ sowie nicht zuletzt in kraut&rüben, hat das Thema Geruch von Pflanzen im Jahr 1995 zur Debatte gestellt, als er auf der Landesgartenschau in Grevenboich (Nordrhein-Westfalen) einen „Stinkgarten“ anlegte. Dabei lag ihm nichts ferner, als die Besucher der Gartenschau durch bestialischen Gestank zu vertreiben. Nein, er wollte sie animieren, an den Blüten und Blättern der in diesem Garten befindlichen Pflanzen zu schnuppern und selber zu urteilen, ob diese oder jene Pflanze ihrer Nase nach duftet oder nicht.

Madonnenlilie

Darüber hat Jürgen Dahl ein Buch geschrieben: „Der Stinkgarten“*. Und darin finde ich meine Wahrnehmung bestätigt. Ich habe also keineswegs einen schlechten Geruchssinn. Denn auch Dahl stellt in seinem Buch fest: „… So nannte der große Linné eine Nieswurz-Art Helleborus foetidus und eine Schwertlilienart Iris foetissima; der Hinweis auf den schlechten Geruch wurde auch in die deutschen Namen „Stinkende Nieswurz“ und „Stinkende Schwertlilie“ übernommen, und in vielen Gartenbüchern hält sich hartnäckig das Gerücht, die Blätter dieser Pflanzen seien übelriechend. Ich habe aber noch niemanden gefunden, der dies hätte bestätigen wollen.“
Als Beispiel dafür, wie die Empfindungen, was den Geruch betrifft, auseinander gehen können, hat Jürgen Dahl unter anderem die Madonnenlilie (Lilium candidum) aufgeführt. „… Der betörende Duft aber, der vor allem abends ein ganzes Zimmer erfüllen kann, wird von manchen, die dieses Zimmer betreten, als unerträglicher, ja unanständiger Gestank empfunden.“

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Ehrlich gesagt könnte auch ich den Duft der Madonnenlilie nicht lange ertragen. Als weitere Beispiele für Pflanzen, über deren Geruch man streiten könnte, führt Jürgen Dahl den Muskatellersalbei (Salvia sclarea), die Schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum), den Schwarzen Holunder (Sambucus nigra), den Weißdorn und manche andere an. Ich mag den Geruch von allen dreien, auch wenn er zweifellos etwas streng ist. Auf das Schneiden meiner Schwarzen Johannisbeeren freue ich mich allein schon wegen des intensiven Geruchs, den die Sträucher dann ausstrahlen. Selbst der „Gestank“ von Tagetes kann mich nicht schrecken. Ich empfinde diese „strengen“ Gerüche wie eine Würze im Garten.
Nur meine Nieswurz ist völlig geruchlos. Ach! Wenn sie doch wenigstens stinken würde …

*Der Stinkgarten oder die Faszination des Gegenteils, von Jürgen Dahl, Klett-Cotta 1997, ISBN 3-608-91003-4

Der Vaterstettener Wolfram Franke ist gelernter Gärtner und Gartenbautechniker und begann seine journalistische Laufbahn 1980 bei „mein schöner Garten“, zunächst als Redaktionsassistent und nach einem Jahr als Redakteur. Zwanzig Jahre lang war Wolfram Franke Chefredakteur von „kraut&,rüben“, Magazin für biologisches Gärtnern und naturgemäßes Leben. Das biologische Gärtnern sowie Garten- und Schwimmteiche machte er bereits zu Beginn seiner journalistischen Laufbahn zu seinen Spezialgebieten. Wolfram Franke ist seit 1985 Autor im BLV Buchverlag. Privat bewirtschaftet er neben seinem kleinen Reihenhausgarten seit mehr als 25 Jahren auch einen 800 Quadratmeter großen Kreativgarten nach ökologischen Regeln beim Reitsberger Hof.

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