Sprengstoffdetonationen, Beschuss und mögliche Terroranschläge gehören zu seinem Berufsalltag. Was nach Hollywood klingt, spielt sich – ziemlich unspektakulär – mitten in Baldham ab. Dort betreibt Daniel Huber ein hochspezialisiertes Ingenieurbüro, das berechnet, was passiert, wenn es richtig kracht. Im Gespräch mit B304.de erklärt der 41-Jährige, warum manche Zufahrtssperren auf Volksfesten mehr Sicherheit vortäuschen, als sie tatsächlich bieten – und weshalb seine Computer für einen realen Zehn-Millisekunden-Vorgang mehrere Tage brauchen.
Hinweis: An dieser Stelle finden Sie zeitnah Bilder und ein Video der Simulation eines Aufpralls von einem LKW auf einen 1.000 Liter Container. Aufgrund des aufwändigen Verfahrens dauert die Erstellung aktuell noch an. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Zehn Millisekunden. Für Daniel Huber können sie zehn Tage Arbeit bedeuten. So lange brauchen seine Hochleistungsrechner mitunter, um exakt zu berechnen, was in diesem winzigen Augenblick passiert. Etwa wenn eine Sprengstoffdetonation eine Druckwelle auslöst, ein Geschoss auf Panzerglas trifft oder ein schweres Fahrzeug mit einem Hindernis kollidiert. Im Turm am Baldhamer Marktplatz beschäftigt sich der promovierte Ingenieur mit der Frage, wie man Menschen vor den Folgen extremer Gewalteinwirkung schützen kann. „Vor allem beim Zufahrts- und Gebäudeschutz gewinnt die numerische Simulation zunehmend an Bedeutung“, sagt Daniel Huber.

Mehr als 13 Jahre arbeitete Huber bei BMW in der Entwicklung von Sonderschutzfahrzeugen. Gemeint sind jene gepanzerten Luxuslimousinen, in denen Staatsoberhäupter, Politiker oder andere besonders gefährdete Personen unterwegs sind. Von außen sehen sie oft aus wie gewöhnliche Oberklassefahrzeuge. Was sich unter der Karosserie verbirgt, muss im Ernstfall aber einiges aushalten. Hubers Aufgabe bei BMW war die Auslegung und Absicherung dieser Fahrzeuge gegenüber Angriffen mit Schusswaffen und Sprengstoffen – virtuell durch Simulationen am Computer und real durch Versuche auf dem Sprengplatz.
Er studierte Fahrzeug- und Motorentechnik an der Technischen Universität München und promovierte an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Sein Spezialgebiet: die sogenannte Kurzzeitdynamik. Also Vorgänge, bei denen innerhalb winziger Sekundenbruchteile enorme Kräfte entstehen.
2018 gründete Daniel Huber seine Firma SIMBLAST zunächst neben seiner Tätigkeit bei BMW. Die Nachfrage nach seinen Berechnungen stieg jedoch so stark, dass er sich 2024 schließlich ganz auf sein eigenes Unternehmen konzentrierte. Seine Kunden kommen aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sowie von Behörden und Spezialeinheiten. Dabei geht es etwa um die Widerstandsfähigkeit von Gebäuden im Falle einer Detonation oder um Schutzsysteme gegen Beschuss. Auch mit Fragen der Drohnenabwehr beschäftigt sich der Ingenieur. Was in der Realität gefährlich, teuer oder kaum wiederholbar wäre, simuliert Huber am Computer. Sofern möglich folgt dann ein Praxistest. Bei bestehenden Gebäuden geht das freilich nicht.
Huber analysiert auch die Effizienz von Zufahrtssperren, die verhindern sollen, dass Terroristen mit Fahrzeugen in Menschenmengen rasen. Längst gehören massive Betonblöcke, mobile Sperren – wie mit Wasser befüllte Kunststoffbehälter, sogenannte IBC-Behälter (Intermediate Bulk Container) – zum gewohnten Bild. Zuletzt erst beim Woll- und Töpfermarkt in Vaterstetten. Doch die „Wirksamkeit dieser IBCs als Terrorabwehrsperre ist gleich Null“, sagt Huber gegenüber B304.de.

Eine Tonne Wasser klinge zunächst nach einem ziemlich beeindruckenden Hindernis. Doch Hubers Berechnungen zeigen, dass ein solcher Behälter bei einem Aufprall mit einem LKW keine nennenswerte Bremswirkung erzielt. Hinzu komme die Gefahr, dass Teile des IBCs, wie die Metall-Ummantelung, beim Aufprall selbst zu gefährlichen Geschossen werden.
Was Huber am Bildschirm macht, ist für Laien nur schwer vorstellbar. Vereinfacht gesagt zerlegt er Strukturen wie Projektile oder Fahrzeuge in unzählige winzige Elemente. Anschließend berechnet der Computer, wie diese Elemente auf extreme Belastungen reagieren. Das dauert mitunter Tage und bringt seine leistungsstarken, grafikkartenbasierten Server ordentlich zum Schwitzen. Im Winter das Büro heizen muss Huber jedenfalls nicht.
Künstliche Intelligenz ist bei solchen Simulationen übrigens (noch) keine Hilfe. Es reicht eben nicht, wenn ein Computer ein beeindruckendes Bild einer Explosion erzeugt. Entscheidend ist, dass die zugrunde liegenden Materialeigenschaften und physikalischen Gesetze korrekt berücksichtigt werden.
Und während seine Computer weiter Explosionen, Kollisionen und andere Katastrophenszenarien berechnen, genießt Huber vor allem die unspektakulären Dinge seines neuen Arbeitslebens: drei Minuten mit dem Rad zur Arbeit, keinen Berufsverkehr sowie ein eigenes Büro mit großem Schreibtisch und der nötigen Ruhe, wenn die nächsten Simulationsmodelle erstellt werden.
