Kinderschutz: Zwischen Sensibilisierung und „Angstkultur“

von Markus Bistrick

„Immer da, wo die Grenze einer Person überschritten wird, fängt Gewalt an“, sagt Alexandra Schreiner-Hirsch vom Kinderschutzbund. Auf Einladung vom Familienbeirat und der Gemeinde Vaterstetten hat die erfahrene Pädagogin am Mittwochabend vor 30 Vertretern örtlicher Vereine über Maßnahmen für einen besseren Schutz von Kindern vor Übergriffen gesprochen. Ihre klare Botschaft: Kinderschutz erfordert aktive Prävention, klare Regeln und eine Kultur des Hinsehens.

Der Klaps auf den Po, die erzwungene Umarmung für die Tante oder der Satz „Sei nicht so langsam, alle warten nur auf dich“ – viele Erziehungsmethoden seien gesellschaftlich akzeptiert und doch Formen von Gewalt, sagt die erfahrene Kinderschutz-Expertin Alexandra Schreiner-Hirsch. Sie fordert ein radikales Umdenken: in Familien, Kitas, Schulen und vor allem auch in den Vereinen.

Wenn von Kinderschutz die Rede ist, denken viele zunächst an Feuerschutz oder bauliche Sicherheit in Kitas und Schulen. Doch der Schutz von Kindern ist weitaus komplexer. Es gehe darum Kinder wirksam vor Gewalt in all ihren Formen zu schützen – sei sie körperlich, psychisch, sexuell oder strukturell, so die Kinderschutzexpertin Alexandra Schreiber-Hirsch bei ihrem Vortrag im OHA. Die zentrale Herausforderung liege darin, eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu etablieren, die Prävention stärkt, ohne Helfer unter Generalverdacht zu stellen.

Von unsichtbaren Narben zu digitalen Gefahren

Ein zentraler Aspekt von Schutzkonzepten sei die Erweiterung des Gewaltbegriffs. Gewalt beginne nicht erst bei körperlichen Übergriffen, sondern dort, wo die persönlichen Grenzen eines Menschen ohne dessen Zustimmung überschritten werden. Eine subtile, aber nicht weniger zerstörerische Form ist die psychische oder seelische Gewalt. Sie liege vor, wenn ein Kind sich wiederholt wertlos, ungeliebt, unerwünscht oder in ständiger Gefahr fühlt. Dazu zählen Verhaltensweisen, die in vielen Erziehungskontexten auch heute noch als normal gelten:

  • Emotionale Erpressung und Liebesentzug: Sätze wie „Wenn du das tust, dann mag ich dich nicht mehr.“
  • Beschämung und Bloßstellung: Ein Kind vor anderen zurechtzuweisen („Alle warten nur auf dich!“).
  • Isolation und Drohungen: Die „Auszeit“ kann als Form der Isolation erlebt werden, ebenso abwertende Kommentare („Aus dir wird sowieso nichts“).
  • Erzeugen von Schuldgefühlen: Aussagen wie „Du bist schuld, dass ich deinen Vater heiraten musste.“

Der oft gehörte Satz „Das hat mir auch nicht geschadet“ sei nach Meinung von Kinderschutz-Experten schlicht falsch: Jede Form von Gewalt schadet, so Schreiner-Hirsch.

Alexandra Schreiner-Hirsch vom Landesverband Bayern des Deutschen Kinderschutzbundes bei ihrem Vortrag im OHA in Vaterstetten. (Foto: Markus Bistrick/B304.de)

Digitale Gewalt: Eine neue Dimension der Gefahr

Mit der zunehmenden Digitalisierung habe sich ein neues Feld der Gewalt aufgetan. Ein starker Anstieg in der Verbreitung von kinderpornografischem Material ist laut Experten direkt auf die Allgegenwart von Smartphones und sozialen Medien zurückzuführen. Auffallend sei, dass ein Großteil der Tatverdächtigen zwischen 14 und 16 Jahre alt sei. Diese Jugendlichen handelten oft aus Unwissenheit oder Neugier und leiteten Material weiter, das sie als „eklig, witzig oder interessant“ empfinden, ohne die strafrechtlichen Konsequenzen zu verstehen. Doch bereits der bloße Besitz von kinderpornografischem Material ist sofort strafbar. Daher sollte man derartiges Material niemals weiterleiten, sondern sofort Anzeige erstatten.

Sexueller Missbrauch: Täter aus dem engsten Kreis

Besonders schmerzhaft sei die Wahrheit über sexuellen Missbrauch: „Der Großteil der Täter und Täterinnen befindet sich im engsten Familienkreis.“ Täter seien oft eben gerade keine Außenseiter, sondern charmante, engagierte und beliebte Personen, die gezielt Vertrauen aufbauen, um ihre Macht auszuüben. Sie isolieren Kinder emotional und sichern ihr Schweigen mit Drohungen und Schuldzuweisungen. Für Vereine ist die Botschaft klar: Ein erweitertes Führungszeugnis ist nur der erste Schritt, denn Täter suchen sich gezielt Orte, an denen nicht genau hingeschaut wird.

Schutzkonzepte: Mehr als ein Führungszeugnis

Die Expertin fordert von allen Organisationen, die mit Kindern arbeiten, ein umfassendes Schutzkonzept. Dazu zählt:

  • Erweitertes Führungszeugnis: Sollte für alle Betreuer – vom Trainer bis zum Küchenpersonal – Pflicht sein. Wer es verweigert, kann nicht tätig werden.
  • Verhaltenskodex: Definiert klar, welches Verhalten erwünscht ist (grün), was grenzwertig ist (gelb) und was inakzeptabel ist (rot).
  • Ansprechpartner und Notfallplan: Klare, geschulte Ansprechpartner im Verein und ein Handlungsleitfaden für den Ernstfall entlasten alle Beteiligten.
  • Prävention: Schulungen für Erwachsene und Projekte, die Kinder stärken („Mein Körper gehört mir“), sind essenziell.

Die Gratwanderung: Zwischen Sensibilisierung und „Angstkultur“

Allerdings: Die zunehmende Sensibilisierung führe bei vielen Ehrenamtlichen zu extremer Verunsicherung: „Darf ich ein Kind überhaupt noch anfassen?“ Die Expertin warnt daher vor einer „Angstkultur“. Es gehe nicht um Generalverdacht, sondern um professionelles Verhalten, das Kindern Sicherheit gibt. Klare Regeln in einem Schutzkonzept würden dabei auch die Helfer selbst vor falschen Verdächtigungen schützen.

Fazit: Hinschauen, stärken und handeln

Die Gesellschaft müsse eine Kultur des Hinsehens etablieren und aufhören zu glauben, „bei uns passiert so etwas nicht“, so Alexandra Schreiner-Hirsch. Die wichtigste Aufgabe bleibe jedoch, Kinder zu stärken. Die zentrale Botschaften dabei: Ich darf „Nein“ sagen, es gibt gute und schlechte Geheimnisse und Hilfe holen ist kein Petzen. „Nur wenn wir aufhören, das Verhalten von Kindern als Störung zu sehen, sondern als Ausdruck ihrer Gefühle, und ihre Grenzen genauso respektieren wie die von Erwachsenen, können wir die Schweigespirale durchbrechen und den Schutz der Schwächsten gewährleisten“, sagte die Kinderschutz-Expertin.