Quelle: B304.de

Hecke muss weg. Information kann warten.

von Markus Bistrick

Ein Kommentar zur Informationspolitik der Gemeinde Vaterstetten.

Wer an der Baldhamer Straße wohnt, braucht offenbar zwei Dinge: eine Heckenschere und eine Glaskugel. Die Heckenschere hat das Rathaus schon im Januar eingefordert. Die Glaskugel hätte man vor ein paar Tagen gebraucht. Denn während die Gemeinde bei den Pflichten ihrer Bürger neun Monate „vorausdenkt“, reicht es bei den eigenen offenbar gerade mal für 24 Stunden. Aber der Reihe nach.

Ende Januar (!) flatterte den Anwohnern ein Schreiben aus dem Vaterstettener Bauamt ins Haus. Die Baldhamer Straße solle in der zweiten Jahreshälfte saniert werden. So weit, so gut. Doch zunächst ging es der Verwaltung offenbar um das, was wirklich zählt: die Pflichten der Bürger.

Bis spätestens 1. März seien sämtliche Bepflanzungen auf die Grundstücksgrenze zurückzuschneiden. Andernfalls müsse die Gemeinde selbst Hand anlegen und den Anwohnern die Kosten dafür „leider“ in Rechnung stellen. Immerhin: Die ausführende Baufirma werde etwa zwei Wochen vor Baubeginn informieren.

Danach passierte erst einmal: nichts. Fast neun Monate lang. Die Bepflanzung ist zwischenzeitlich nachgewachsen.

Auf Nachfrage von B304.de teilte die Pressestelle am 9. Oktober schließlich mit, die Baufirma plane mit der ersten Novemberwoche. Und selbstverständlich würden die Anwohner vorher noch informiert. Selbstverständlich? Selbstverständlich nicht!

Heute, Sonntag, 25. Oktober. Zufällig entdecken wir auf dem Social-Media-Kanal der Gemeinde einen Beitrag, der erst am Vormittag veröffentlicht wurde: Ab morgen, Montag, 26. Oktober, wird die Baldhamer Straße zwischen der Carl-Orff-Straße und Hausnummer 12 vollständig gesperrt. Bis einschließlich 6. November.

Wie bitte? Neun Monate Vorlauf, aber die entscheidende Information gibt es gerade einmal einen Tag vorher? Und das auch noch an einem Sonntag? Respekt! So viel Last-Minute Tatendrang außerhalb der Rathaus-Öffnungszeiten – das muss man in einer Verwaltung erst einmal hinbekommen.

Eine Pressemitteilung? Fehlanzeige. Ein Hinweis auf der Gemeindewebsite? Zumindest bis Sonntag Nachmittag nicht zu finden. Eine Information im Briefkasten? Bei uns jedenfalls nicht. Stattdessen setzt die Gemeinde plötzlich auf moderne Kommunikation: Social Media!

Das ist natürlich überraschend fortschrittlich. Blöd nur, wer den Kanal nicht abonniert hat, muss selbst zusehen, wie er von der Vollsperrung erfährt. Vielleicht per Zufall. Oder ganz klassisch per Flüsterpost? Wohl spätestens dann, wenn man am Montagmorgen vor der Absperrung steht. So sie denn tatsächlich kommt. Auch das weiß man ja nie so genau.

Dabei geht es nicht um irgendeinen Feldweg. Die Baldhamer Straße ist eine viel befahrene Verbindung, an der unter anderem die Musikschule, die Volkshochschule sowie eine Kindertagesstätte liegen. Die drei Einrichtungen befinden sich zwar außerhalb des gesperrten Abschnitts, ihre Besucher dürften sich über die plötzlich unterbrochene Verbindung trotzdem verwundert die Augen reiben.

Und die Anwohner? Können die ihre Grundstücke während der Bauarbeiten noch mit dem Auto erreichen? Müssen Fahrzeuge für fast zwei Wochen woanders abgestellt werden? Was passiert mit der MVV-Buslinie 452 und der Haltestelle Baldhamer Straße? Fragen über Fragen. Antworten? Fehlanzeige.

Der Transparenz halber: Unser Verlag hat sein Büro in der Baldhamer Straße 1a und ist damit unmittelbar betroffen. Das ist allerdings nur der Grund, warum uns diese bemerkenswerte Art der Bürgerinformation überhaupt aufgefallen ist. Und ziemlich sicher ist es nicht das erste Mal, dass eine Baumaßnahme auf diese Weise kommuniziert wird.

Niemand bestreitet, dass Straßen saniert werden müssen. Niemand erwartet, dass eine Gemeindeverwaltung jeden Anwohner persönlich anruft. Und natürlich können sich Bauzeiten verschieben. Aber eine fast zweiwöchige Vollsperrung am Sonntagnachmittag für Montagmorgen anzukündigen, ist keine zeitgemäße Bürgerinformation – auch nicht im Social-Media-Zeitalter. Es ist eine Zumutung.

Besonders ärgerlich ist dabei das Selbstverständnis, das hinter einer solchen Kommunikation zum Vorschein kommt: Der Bürger hat gefälligst rechtzeitig seine Hecke zu schneiden, damit die Gemeinde ungehindert arbeiten kann. Umgekehrt darf er aber offenbar nicht einmal erwarten, rechtzeitig zu erfahren, ob er am nächsten Morgen noch mit dem Auto zum Arbeitsplatz kommt.

Rein rechtlich mag es keine feste Frist geben, wie lange vorher eine Straßensperrung angekündigt werden muss. Die einschlägigen Richtlinien empfehlen allerdings ausdrücklich eine frühzeitige Information der Öffentlichkeit. Und vor allem: Das Vaterstettener Rathaus hatte den Anwohnern selbst versprochen, sie rund zwei Wochen vor Baubeginn zu informieren. Aus zwei Wochen wurden nun gerade einmal 24 Stunden. Dafür gibt’s aber bei Instagram noch einen sachdienlichen Tipp: „Bitte berücksichtigt die Sperrung bei Eurer Wegeplanung und plant gegebenenfalls etwas mehr Zeit ein.“

Vielleicht wäre es an der Zeit, sich im Rathaus wieder einmal daran zu erinnern, wofür eine Gemeindeverwaltung eigentlich da ist. Nämlich für die Bürger. Nicht umgekehrt.