Zugegeben: Mit gerade einmal 13 aktiven Mitgliedern gehören die Haarer Böllerschützen wohl zu den kleinsten Vereinen der Stadt. Dafür sind sie mit Sicherheit die lautesten. Seit mittlerweile einem halben Jahr- hundert böllert es zu festlichen Anlässen in Haar. Als die Haarer damit begannen, waren sie in der Region echte Pioniere. Und genau deshalb gibt es über den Verein manche legendäre Geschichte zu erzählen …
In Haar haben die „Stammtisch-Ideen“ irgendwie Tradition – und dabei wirklich schon mehrfach Großartiges hervorgebracht. Das Freibad zum Beispiel. Oder auch, dass in Haar ein Maibaum aufgestellt wird. Ebenfalls über eine Stammtisch-Gruppe – damals in der legendären Folger- stuben – entwickelte sich etwas, was heute nicht mehr aus den örtlichen Traditionen wegzudenken ist…
Eine Idee aus Berchtesgaden
Man schrieb das Jahr 1976, als Toni Schwarz mit einer Idee aus den Baye- rischen Alpen zurückkam. Damals hatte der Haarer ein Böllerschießen in Berchtesgaden miterlebt und war begeistert. Das könne man doch in Haar sicher auch, war er sich sicher. Kurzerhand unterbreitete er seinen Spezeln diese Idee. Damit war sozusagen der lautstarke Startschuss für die Haarer Böllerschützen gefallen – und sie wurden die allerersten Böllerschützen im ganzen Landkreis München. Noch mehr: Sie galten als erster und einziger Handböller-Verein in ganz Oberbayern. Neun Gründungsmitglieder zählte der Verein.

Schwarzpulver, Vorschriften und jede Menge Papierkram
Was allerdings alles an diesem Vorhaben dranhängt, das erfuhr die Gründungsgruppe erst nach und nach. Da gab und gibt es nämlich strenge Vorschriften, jede Menge Prüfungen und Papierkram, der zu erledigen ist – schließlich hantiert man als Böllerschütze mit explosivem Schwarzpulver. Und natürlich darf auch nicht jeder mit diesen Waffen hantieren: Die Schützen müssen neben einem Führungszeugnis auch einen Unbedenklichkeitsbescheid vorweisen, sie müssen einen Schwarzpulverschein und eine sprengstoffrechtliche Erlaubnis haben, die regel- mäßig erneuert werden muss, damit die Böller auch abgefeuert werden dürfen. Das alles hat gedauert – doch dann war es am 18. März 1977 so- weit: Das erste offizielle Schießen fand in Gronsdorf anlässlich des 20-jährigen Jubiläum des 1. Schützenmeister Fritz Dittmann statt.
Marke Eigenbau
Apropos Böller: Als vor 50 Jahren die Haarer beschlossen hatten, zu böllern, gab es ein durchaus grundlegendes Problem. Denn Böller waren im näheren Umfeld nicht zu bekommen. Was als tun? Die Männer reagier- ten pragmatisch – und beschlossen: Selber machen lautet die Devise. Sprich: Die Läufe entstanden in den Wanderer Werken, die damals in der Gronsdorfer Straße beheimatet waren. Der dazugehörige Schaft wurde in der Schreinerei in der Haarer Klinik gefertigt. So entstanden Böller „made in Haar“. Noch heute sind einige dieser Exemplare im Besitz des Vereins. Man wusste sich eben zu helfen.
Ein teures Hobby mit viel Leidenschaft
Heute kann man Böller, die übrigens zwischen vier und fünf Kilo wiegen, auch in und um München kaufen. Und das muss jedes Vereinsmitglied selbst. „1.000 Euro muss man für einen normalen Böller schon rechnen, die größeren Schaftböller sind teurer. Und nach oben gibt es dann praktisch eh keine Grenze“, erklärt Robert Fleischmann, heute Vorstand der Haarer Böllerschützen. Und damit ist man noch nicht am Ende der Investitionen angelangt: Auch die gemeinsame Tracht – von der Lederhosn über Weste und Janker bis zum Hut – muss jeder aus eigener Tasche bezahlen. Das ist schon eine gewisse Hürde, wissen die aktiven Vereins- mitglieder. Doch manch ein ausgeschiedenes Mitglied vermacht den Böller dem Verein und so fällt diese Ausgabe für den einen oder anderen zumindest schon weg.
Vom Volksfest über einen Prinzenbesuch bis hin zum FC Bayern
Aber was erwartet denn einen Böllerschützen für das alles, wenn er in Haar zum Verein geht? Der Rückblick auf die letzten fünf Jahrzehnte zeigt, dass da durchaus spektakuläre Ereignisse dabei sein können. Neben den „Standard-Einsätzen“ wie bei Haarer Festen, bei Geburtstagen, Hochzeiten, bei Beerdigungen – bei denen eher die vereinseigene Kanone gezündet wird – oder zu Silvester, packen die Aktiven ihre Böller häufig für „auswärtige Einsätze“ ein.

Sie fahren etwa zum Frühlings- oder Oktoberfest an der Münchner Theresienwiese oder schießen beim Stadtgründungsfest der Landeshauptstadt. Aber es gibt auch Einsätze, die lange im Gedächtnis geblieben sind: So wurden sie mal von Prinz Luitpold von Bayern anlässlich dessen Geburtstages ins Schloss Nymphenburg bestellt. Und sie wurden sogar hoch in den Norden eingeladen und böllerten in der Hansestadt Lübeck.
Ein besonderer Höhepunkt: Die Haarer durften beim letzten Spiel des FC Bayern im Olympiastadion böllern. Am 14. Mai 2005 spielten die Bayern dort gegen den 1.FC Nürnberg – und gewannen spektakulär mit 6:3. Doch schon zur Halbzeit wurden die Haarer „ihres Platzes verwiesen“. Ihr einziges Vergehen: Sie verdeckten die Werbung des Sponsoren, was dem überhaupt nicht gefallen hat. Dann sind sie eben kurzerhand und in ihrer pragmatischen Art mitsamt den Bänken an eine andere Stelle gewandert – und haben dann eben ohne Werbung im Rücken mitgeju- belt. Als Dank erhielt jeder ein Trikot, das von allen Spielern unterschrieben war.
Ein Pfarrer als Fan – und eine besondere „Taufe“
Aber auch die Böllerschützen hatten schon immer echte Fans. Einer davon war der Pfarrer Georg Zacherl. „Meine Buam“ nannte der Haarer Gottesmann die Gruppe, bei der er zeitlebens Ehrenmitglied war. Und das, obwohl sie ihm mindestens einmal in eine unangenehme Situation brachten: Bei einer Bergmesse im Tiroler Alpachtal erfolgte die Schuss- Salve der Böllerer just in dem Moment, als der Pfarrer zur Wandlung den Kelch angehoben hatte. Doch da Zacherl in die Liturgie vertieft war, hat er den Knall nicht kommen sehen – und verschüttete den Messwein. Und zwar direkt über seinem Kopf. Daran erinnert sich der mittlerweile älteste Böllerer Rudi Künig nur zu gut. Aber auch er ist – mit seinen 86 Jahren – kein Gründungsmitglied. Alle neun sind zwischenzeitlich leider verstorben.
Ein Start-Böller für die Zukunft
Dafür gibt es jetzt bei den Haarer Böllerern eine ganz große Neuigkeit: Vor zwei Jahren stimmten die Mitglieder ab, ob sie künftig auch Frauen aufnehmen wollen. Das war die längste Zeit in den 50 Jahren äußerst verpönt – oder besser gesagt: gar kein Thema. Und doch: Einstimmig wurde genau das beschlossen und so konnte die damalige Anwerberin, Claudia Trisl, als erste weibliche Böllerin dem Verein 2024 beitreten.
Eine neue Ära? Durchaus. Denn auch nach 50 Jahren zeigt sich: Tradition bedeutet nicht Stillstand. Und manchmal beginnt die Zukunft eben nicht mit einem Startschuss, sondern mit einem Start-Böller.

