Ist Bram Stokers „Draculas Gast“ vielleicht auf einer Vorläuferroute der heutigen Bundesstraße 304 (B304) unterwegs gewesen? Der Haarer FDP-Stadtrat Dr. Peter Siemsen hält das für möglich. Beweisen lässt sich seine These nicht – ganz ausschließen allerdings ebenfalls nicht.
Bram Stoker kennen viele zumindest über seine berühmteste Figur: Dracula. Der irische Schriftsteller veröffentlichte 1897 den gleichnamigen Roman und prägte damit das moderne Bild des Vampirs entscheidend. Weniger bekannt ist die Kurzgeschichte „Draculas Gast“, die 1914, zwei Jahre nach Stokers Tod, posthum erschien. Darin verlässt ein englischer Reisender München, fährt hinaus aufs Land und gerät in eine zunehmend unheimliche Szenerie mit verlassenem Dorf, Friedhof und übernatürlichen Erscheinungen.
Siemsen vermutet nun, dass dieser Weg nach Haar geführt haben könnte – über eine historische Fernverbindung, deren Verlauf teilweise der heutigen B304 entsprach. Seine Überlegung hat inzwischen sogar Eingang in den deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu „Draculas Gast“ gefunden. Nur: Haar oder eine Bundesstraße 304 erwähnt Stoker natürlich ebenso wenig wie Parsdorf oder einen anderen konkreten Ort östlich von München.
B304.de hat beim Vaterstettener Gemeindearchivar Dr. Albert Weber nachgefragt. Der promovierte Mittelalterhistoriker lebt selbst in Haar und beschäftigt sich seit 18 Jahren mit der historischen Dracula-Gestalt Vlad III. Draculea, genannt „der Pfähler“.
Ganz aus der Luft gegriffen ist die Fahrt nach Osten nach seiner Einschätzung nicht. Da der Reisende Richtung Wien unterwegs ist und nach mehreren Stunden wieder nach München zurückkehrt, lasse sich zumindest indirekt ableiten, dass die Handlung östlich der Stadt angesiedelt sein könnte.
Spannender wird es bei den historischen Straßen. Im 19. Jahrhundert führten zwei wichtige Routen von München nach Osten, nördlich und südlich des Ebersberger Forstes. Die südliche verlief teilweise entlang der heutigen B304 und führte an Haar vorbei in Richtung Ebersberg und Wasserburg. Die nördliche Strecke verlief dagegen über Riem, Feldkirchen, Parsdorf und Anzing.
Damit wird die Sache für die Dracula-Spurensucher allerdings nicht einfacher. Denn beide Wege könnten grundsätzlich zu Stokers Beschreibung passen.
Der Autor spricht in „Draculas Gast“ von einer kahlen, windgepeitschten Hochebene. Gerade diese Beschreibung könnte eher an die offene Landschaft auf der nördlichen Route über Feldkirchen und Parsdorf denken lassen als an die stärker bewaldete Strecke südlich des Ebersberger Forstes. Für einen Beweis reicht das allerdings nicht.
„Ich kann in der ,windigen Hochebene‘ nicht unbedingt die typische Topographie unseres Landkreises erkennen“, sagt Archivar Weber. Er folgt vielmehr der Einschätzung, dass Stoker eine literarische Landschaft geschaffen habe, die allenfalls lose an reale geografische Verhältnisse angelehnt war.
Stoker habe einerseits erstaunlich gründlich recherchiert – etwa bei Zugfahrplänen –, andererseits geografische und historische Details durchaus seinen erzählerischen Bedürfnissen angepasst. Wer die Theorie wirklich prüfen wolle, müsse deshalb vor allem Stokers erhaltene Recherche-Notizen genauer untersuchen.
Webers Fazit ist entsprechend nüchtern: „Die Hinweise in Stokers Kurzgeschichte sind sehr vage; die Hypothese kann damit weder belegt noch widerlegt werden.“
Für den Münchner Osten bleibt damit eine hübsche literarische Möglichkeit: Vielleicht führte Stokers Reisender tatsächlich über eine der alten Straßen, aus denen später wichtige Verkehrsachsen wie die B304 wurden – womöglich sogar über Parsdorf. Einen eigenen Dracula-Tourismusbeauftragten muss die Region deshalb aber noch nicht einstellen.