Die Illusion im Warenkorb

von Eva Bistrick

Edle Bilder, große Versprechen und ein Name, der nach Hamburg, München oder einer kleinen Manufaktur aus Berlin klingt: Immer mehr chinesische Onlineshops tarnen sich so geschickt als regionale Anbieter, dass man erst beim Auspacken merkt, wo man tatsächlich gelandet ist.

Kennen Sie noch den Film „Falling Down“ mit Michael Douglas? In einer legendären Szene rastet er in einem Fast-Food-Restaurant aus, weil der Burger in seiner Hand mit dem prachtvollen Exemplar auf dem Werbefoto ungefähr so viel gemeinsam hat wie eine TK-Pizzette mit einem italienischen Familienrezept.
Genau diesen Moment hatte ich kürzlich auch. Nur nicht mit einem Burger, sondern mit einem Trinkglas.

Auf den Werbebildern sah es spektakulär aus: ein schwer wirkendes Kunstglas mit einem blauen Oktopus in 3D-Optik, dazu eine edle dunkelblaue Geschenkbox mit Goldprägung. „Handcrafted Art Glass“, „Luxury Gift Edition“, „handmade with passion“ – das volle Programm. Es wirkte wie ein besonderes Stück aus einer kleinen Glasmanufaktur. Ich war das perfekte Opfer, denn ich liebe einfach Geschirr und schöne Gläser.

Zwischen Werbefoto und Wirklichkeit liegen in diesem Fall nicht nur einige tausend Kilometer.

Schon meine Oma wusste: Papier ist geduldig. Sie war ihrer Zeit weit voraus. Denn was bei mir ankam, hatte mit dem Werbefoto überhaupt nichts gemein. Billig gearbeitet, stumpfes Glas, sichtbare Schweißnähte, komplett andere Farbgebung und den so besonderen 3D-Effekt suche ich heute noch vergeblich. Und genauso die edle dunkelblaue Kartonage mit Satineinlage … bei mir hat es nur für Styropor gereicht.

Die bittere Realität – oder what you see, is NOT what you get

Genau auf einmalige Impulskäufer zielen viele dieser Shops ab. Sie tragen einen Namen mit Lokalbezug oder einen bodenständigen Familiennamen. Auf der Website ist von Handarbeit, Tradition, Leidenschaft und einem kleinen Familienbetrieb die Rede. Dazu kommen perfekt inszenierte Fotos, begeisterte Kundenbewertungen und gern auch ein dramatischer Räumungsverkauf, weil das Geschäft angeblich leider schließen muss.

Wo das Unternehmen tatsächlich sitzt, erfährt man erst, wenn man da nachliest, wo kaum jemand freiwillig hinschaut: im hintersten Winkel des Impressums, in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder bei den 40-Absätze-langen Rückgabebedingungen. Spätestens wenn eine Retoure nach China oder Hongkong auf eigene Kosten geschickt werden soll, wird klar, dass das kleine Münchner Atelier offenbar eine erstaunlich weit entfernte Versandabteilung betreibt.

Natürlich hätte ich genauer hinsehen können: Impressum prüfen, Rücksendeadresse suchen, unabhängige Bewertungen auf Trustpilot lesen. Aber genau deshalb funktionieren diese Seiten so gut. Sie wirken nicht wie dubiose Billigshops, sondern wie genau jene kleinen, persönlichen Anbieter, die man eigentlich unterstützen möchte.

Ich ärgere mich über mich selbst. Denn tatsächlich kaufe ich am liebsten vor Ort. Nicht nur, weil ich ständig „Support your locals“ predige, sondern weil ich wirklich davon überzeugt bin. Wer in einem Geschäft vor Ort kauft, kann die Ware ansehen, anfassen und bekommt auch noch eine nette persönliche Beratung dazu. Da wird einem kein Schrott angedreht, denn man möchte Sie ja als treuen Kunden behalten. Keine Rücksendeadresse in Guangdong, dafür echte Ware, geregelte Rückgabebestimmungen und im besten Fall einen freundlichen und kompetenten Verkäufer, der auch morgen noch da ist. Aber nur, wenn wir weiter bei ihm einkaufen.

Mein Oktopus-Glas werde ich vermutlich behalten – als ewiges Mahnmal. Oder ich bringe es Weihnachten zum Schrottwichteln mit.