Quelle: KI generiert

Buchtipp: King Sorrow II

von Eva Bistrick

640 Seiten, durchgelesen in zwei Tagen. Danach habe ich mir sogar noch die mehrseitige Danksagung gegeben. Das sagt eigentlich schon alles dazu, wie fantastisch ich diese Story fand.

Bei „King Sorrow I“ hatte ich mich noch darüber geärgert, dass der deutsche Verlag Joe Hills Roman quasi mit der Axt in zwei Teile gespalten hat. Gerade war ich richtig drin, da war das Buch zu Ende. Nicht die Geschichte, nur das Buch. Verlegerisch mag das Gründe haben. Für ungeduldige Leser wie mich war es eine eher mittelschöne Entscheidung.

Nun ist seit 15. Juli endlich „King Sorrow II“ da. Und ich habe die 640 Seiten innerhalb von zwei Tagen verschlungen. Neben Arbeit, Hund, Haushalt und allem, was man sonst noch so erledigen sollte. Dieser berühmte Satz „nur noch ein Kapitel“ funktioniert bei Joe Hill ungefähr so gut wie „nur noch eine Folge“ bei „Breaking Bad“. Außerdem musste ich erst noch einmal den ersten Band querlesen, um wieder ins Thema zu kommen. Seit King Sorrow I ist immerhin schon etwas Zeit vergangen und mein Hirn musste zwischendurch Infos ausmisten.

Was mich an „King Sorrow“ so begeistert, ist gar nicht leicht zu erklären. Denn eigentlich ist fast alles darin enthalten, was ich bei Büchern normalerweise umgehe: Drachen, Trolle, Zauber, magische Schwerter und irgendwelche Fabelwesen aus der Welt der Sagen und Märchen. Dieser ganze „Herr der Ringe“-Kram ist überhaupt nicht meins. Sobald ein Zauberer auftaucht oder jemand eine jahrtausendealte Prophezeiung erfüllen muss, bin ich normalerweise raus.

Hier war ich schockverliebt.

Joe Hill gelingt es, die Fantasywelt so selbstverständlich in unsere eigene hineinzuschieben, dass man den Übergang kaum bemerkt. Der Drache fliegt nicht durch ein erfundenes Königreich mit unaussprechlichem Namen. Er taucht in der Welt auf, die wir kennen. Zwischen Flugzeugen, Universitäten, politischen Entwicklungen, Fernsehbildern und echten historischen Ereignissen. Sogar der Brand von Notre-Dame wird dem Drachen, der erstaunlich plakativ beschrieben wird, zugeschrieben.

Die Geschichte zieht sich über Jahrzehnte. Aus den Studenten, die den Dachen King Sorrow im ersten Teil beschworen haben, werden Erwachsene mit Berufen, Familien, Erfolgen und ziemlich viel Schuldgefühlen im Gepäck. Während ihr Leben weitergeht, dreht sich auch die reale Welt weiter. Und Joe Hill baut tatsächliche Ereignisse so raffiniert in seine Geschichte ein, dass man kurz ins Grübeln kommt, ob wir vielleicht doch nicht alles wissen. Wie sagt man: Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen. Und schließlich gibt es Dinge, die wir eigentlich wissen, ohne dass sie uns bewusst sind – genau auf dieser Ebene spielt King Sorrow II.

Joe Hill beschreibt seine Welt nicht nur. Er macht sie fast anfassbar. Man sieht die Orte, hört die Geräusche und spürt förmlich die Hitze und riecht versengte Haare, wenn King Sorrow auftaucht. Dabei verliert er sich nicht seitenlang darin, die Farbe jeder einzelnen Drachenschuppe zu beschreiben. Die Bilder entstehen trotzdem. Der titelgebende Drache wirkt mit seiner märchenhaften Intelligenz und dem unbändigen Spaß an Wortspielen und Rätseln faszinierend, hinterlistig und böswillig, allerdings, das muss ich zugeben, nicht unbedingt gruselig. Erschreckend sind eher die Menschen und ihre Handlungen, weniger der Drache an sich. Horrorfreunde dürften die vielen Anspielungen auf das King Universe seines berühmten Schriftsteller-Vaters freuen und auch diverse Anleihen aus der hiesigen Horrorfilmwelt.

Ich habe mich beim Lesen mehrfach gefragt, ob und vor allem wie man dieses Buch jemals verfilmen könnte. Die Bilder wären gewaltig: ein Drache zwischen 9/11, dunklen Höhlen, Kreaturen, die irgendwo zwischen Märchen und Albtraum liegen, reale Katastrophen, die sich plötzlich in etwas Übernatürliches verwandeln. Technisch wäre heute vermutlich vieles möglich. Aber ob ein Film diese spezielle Mischung aus Fantasie, Horror, Freundschaft und jahrzehntelanger gemeinsamer Geschichte einfangen könnte, ohne dass daraus am Ende eine etwas alberne Drachennummer wird? Ich bin gespannt.

Natürlich lebt der Roman nicht allein von großen Bildern. Sein Herz bleiben die sechs Protagonisten und Freunde Arthur, Gwen, Colin, Donna, Van und Allie. Joe Hill hat sie so liebevoll und gleichzeitig so unperfekt gezeichnet, dass man ihnen gern durch all diese Jahre folgt. Sie werden älter, verändern sich, lieben und enttäuschen einander. Sie treffen vernünftige Entscheidungen und komplett bescheuerte. Man mag nicht immer, was sie tun, versteht aber meistens, warum sie es tun. Und während sie versuchen, das Problem mit dem Drachen irgendwie unter Kontrolle zu bringen, wird immer deutlicher: Der Drache ist womöglich gar nicht das größte Monster in dieser Geschichte. Spoiler, aber eigentlich ist das bei so einer Gruppendynamik klar: Nicht jeder in der Gruppe offenbart seine eigentlichen Absichten.

King Sorrow fordert Jahr für Jahr an Ostern ein Opfer. Anfangs lässt sich die Gruppe noch einreden, die richtigen Menschen auszuwählen. Böse Menschen, um die es nicht schade sei. Was natürlich eine ziemlich praktische Erklärung ist, wenn man selbst weiterleben möchte. Doch aus einem vermeintlich kontrollierbaren Handel wird etwas immer Größeres und Grausameres.

Wer bestimmt, welcher Mensch den Tod verdient? Was macht Macht mit einem Menschen? Und wie oft kann man etwas Furchtbares tun, bevor man selbst zu dem wird, was man eigentlich bekämpfen wollte? Und was tun, wenn sich der Drache im Pakt so manches Hintertürchen offenhält, um weitaus mehr Menschen zu schaden, als die Freunde eigentlich opfern wollen? Diese Thematik trägt sich ganz hervorragend über die vielen Seiten.

Das Ende ist bei Hills Vater Stephen King ja gern einmal ein Problem. Ich liebe viele seiner Bücher, begleite seine Figuren begeistert durch 800 oder 1.000 Seiten – und sitze am Schluss gelegentlich da und denke: Echt jetzt? Joe Hill bringt seine große, über Jahrzehnte aufgebaute Geschichte dagegen zu einem Ende, das zu ihr passt. Kein hastiges Zusammenfegen sämtlicher Handlungsfäden auf den letzten 20 Seiten, keine Lösung, die plötzlich vom Himmel fällt – wobei das bei einem Drachenroman vermutlich sogar naheläge. Das Finale ist groß, emotional und konsequent.

Nebenbei erfährt man in dieser Danksagung auch, dass Joe Hill mit seiner Frau drei Kinder hat. Drei Kinder – und dann schreibt der Mann solche Bücher. Ich bekomme oft schon ohne Kind und mit nur einem Labrador an manchen Tagen keinen vernünftigen Gedanken zu Ende.

King Sorrow I und II gehören in jedem Fall zu den fantasievollsten, spannendsten und ungewöhnlichsten Büchern, die ich seit Langem gelesen habe.

Übrigens: Der Autor Joe Hill geht im Herbst auf Lesereise durch Deutschland und ist am 23. Oktober auch in München.

Joe Hill steht auf Drachen – man sieht´s

Joe Hill wurde 1972 in Neuengland geboren. Nach dem College begann er mit dem Schreiben. Für seine Kurzgeschichten, die in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien erschienen, wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem “Ray Bradbury Fellowship” und dem “Bram Stoker Award”. 2006 erhielt er u.a. den renommierten “World Fantasy Award”. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in New Hampshire. Bei Heyne erschienen bislang seine Romane Blind und Teufelszeug sowie die Storysammlung Black Box.