Drachen sind eigentlich nicht mein Genre. Joe Hill hat das geändert.
Entdeckt habe ich „King Sorrow 1“ in Manuela Harms Buchladen in Vaterstetten. Ich war eigentlich wegen etwas anderem da, bin dann an einem dieser handbeschriebenen Post-its hängen geblieben – Sie kennen das vielleicht – und habe mal wieder einen für mich typischen Impulskauf gemacht. Manuela Harm und ihr Team haben dieses Profi-Gespür dafür, einem genau das Buch in die Hand zu geben, von dem man vorher nicht wusste, dass man es lesen will.
In meinem Fall: ein Roman mit Drachen. Also eigentlich genau das, worum ich sonst einen Bogen mache.
Ich bin mit Stephen King groß geworden, und zwar früh – mein erstes Buch war „Es“, ich war 11 Jahre alt und konnte danach 4 Wochen lang nicht mehr nachts ins Bad gehen. Dazu kam ein intensives Gully-Trauma. Viele weitere, Türstopper-dicke Romane genauso wie Kurzgeschichten, sollten folgen – und ebenso viele schlaflose Nächte. Seitdem verschlinge ich alles, Buch oder Film, was auch nur annähernd gruseln könnte. Ganz ehrlich: Drachen gehörten bisher nicht dazu. Zu viel Grisou, zu viel Fantasy, irgendwie so gar nicht meine Welt.
Autor Joe Hill – übrigens ein Sohn von Horror-Autor Stephen King – hat das für mich verschoben.
Hill ist Jahrgang 1972, in Neuengland aufgewachsen, also mitten in dem erzählerischen Klima, das King-Fans schon lange aus dem Universum seines Vaters kennen. Gleichzeitig hat er sich längst davon gelöst, nur „der Sohn von“ zu sein. Bücher wie „Horns“ – später verfilmt mit Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe – oder „NOS4A2“ (das steht für Nosferatu, falls man es wie ich nicht sofort checkt) zeigen das deutlich. Er kennt das Genre.
Worum geht´s im Buch? „King Sorrow 1“ setzt 1989 an einem College in Maine ein. Sechs Freunde, die zunächst ziemlich vertraut wirken: klug, unsicher, ehrgeizig, verletzlich – jeder mit eigenen Stärken und ziemlich klaren Schwächen, so dass man sich in jeden einzelnen fast verlieben will. Und genau das ist der Punkt: Man nimmt ihnen ihre Fehler nicht übel, sondern versteht, warum sie da sind, woher sie kommen. Joe Hill schreibt diese Figuren so, dass man ihnen fast blind folgt, auch wenn man es vielleicht besser nicht tun sollte.
Das gemeinsame Ritual, mit dem sie einen Drachen beschwören, ist dann der Moment, an dem sich alles verschiebt. Was zunächst fast wie ein überdrehter studentischer Versuch im Alkoholrausch wirkt, kippt in etwas, das sich nicht mehr einfangen lässt.
Was mich zusätzlich beeindruckt hat, ist die Art, wie Joe Hill mit Spannung arbeitet. Es gibt Momente, die sich wie literarische Jump Scares anfühlen. Ohne Lautstärke, ohne visuelle Tricks, nur über Timing und Perspektive. Das finde ich eine große Kunst.
Natürlich bleibt die Nähe zu Stephen King. Diese Verankerung im Alltag, dieses langsame Aufziehen des Unheimlichen, der Schauplatz Maine … Aber Joe Hill bleibt nicht im Schatten stehen. Er greift Motive auf, verschiebt sie, manchmal auch mit einer gewissen Lust, Bekanntes bewusst zu plagiieren und weiter zuzuspitzen.
Was mich tatsächlich ein bisschen ausgebremst hat: Die deutsche Ausgabe des Romans ist in zwei Teile geteilt. Der zweite Band, King Sorrow II, soll im Juli erscheinen. Das mag verlegerisch sinnvoll sein, nimmt der Geschichte aber etwas von ihrem Sog. Gerade, weil sie darauf angelegt ist, sich festzusetzen. Für mich fühlt es sich an, als wäre der “Page Turner” mit ner Axt gespalten, weil es sich dann womöglich besser verkauft. Ich persönlich will dennoch nicht auf Teil 2 verzichten und muss mich wohl in Geduld üben.
“King Sorrow I” könnte Ihnen auch gefallen, wenn …
- … Sie Stephen King mögen – vor allem seine College- oder Freundschaftssettings wie in „Es“ oder „The Body“.
- … Ihnen „Horns“ oder „NOS4A2“ gefallen haben und Sie Joe Hills Stil schon kennen.
- … Sie Geschichten schätzen, in denen Freundschaften unter Druck geraten und das Unheimliche langsam in den Alltag einsickert.
- … Sie nichts gegen Fantasy-Elemente mit dunkler Schlagseite haben – auch wenn Sie, so wie ich, mit Drachen eigentlich nichts anfangen können.
Joe Hill – mehr als „der Sohn von“
Joe Hill, geboren 1972 als Joseph Hillström King, ist der Sohn von Stephen King – hat sich aber längst einen eigenen Namen gemacht. Er veröffentlichte bewusst zunächst unter Pseudonym, um nicht vom berühmten Nachnamen zu profitieren. Sein Durchbruch gelang ihm mit „Heart-Shaped Box“ (2007), einem klassischen, sehr direkten Horrorroman. Es folgten unter anderem:
- „The Fireman“ (2016) – ein Endzeitroman mit ungewöhnlicher Grundidee
- sowie die Comicreihe „Locke & Key“, die ebenfalls erfolgreich adaptiert wurde
Typisch für Joe Hill ist die Verbindung aus starken Figuren, alltäglicher Verankerung und einem oft sehr eigenwilligen Zugriff auf das Unheimliche. Mit „King Sorrow“ schlägt er nun ein neues, deutlich epischeres Kapitel auf.
