Stellen Sie sich vor, Sie stehen morgens auf, greifen zum Smartphone – und nichts funktioniert mehr. Kein Zugriff auf Ihre E-Mails. Die Fotos Ihrer Kinder: verschwunden. Ihre Dokumente, Kontakte, Termine – gesperrt. Was wie ein dystopischer Thriller klingt, ist keine theoretische Frage mehr. Längst haben wir unsere Kommunikation, unsere Daten und selbst die staatliche Infrastruktur wenigen US-Techgiganten überlassen. Für Harald Wehnes, promovierter Informatiker, Professor an der Uni Würzburg und Baldhamer seit rund 40Jahren, ist „digitale Souveränität“ das zentrale Thema unserer Zeit. „Wir befinden uns aus dem Weg zur digitalen Kolonie“, sagt er. Eine Abhängigkeit, die unsere Demokratie bedroht. Noch ist es nicht zu spät. Was sich unbedingt ändern muss.
Zunächst eines vorneweg: Harald Wehnes ist kein Paranoiker, der nachts mit Aluhut vorm WLAN-Router sitzt. Auch Amerika-Bashing weist der renommierte Informatiker entschieden zurück. „Ich habe viele Freunde und Familie in den USA.“ Der Mann, einst Hallensprecher bei den Vaterstettener Handballern, ist Informatiker, ich bitte Sie. Nüchtern, analytisch. Einer vom Typ Harald Lesch. Unprätentiös im Auftreten, deutlich in der Sache. Eine sympathische Mischung aus Professor und Geschichtenerzähler.
Am Esstisch seiner Baldhamer Doppelhaushälfte schildert er konkrete Fälle. Das amerikanische Justizministerium habe kürzlich zehn US-Unternehmen zwangsverpflichtet, sämtliche Kommunikationsdaten der EU-Kommission auszuhändigen, sogar verschlüsselte. Oder: „Ein US-Überwachungsgesetz namens „Cloud Act“ erlaubt es amerikanischen Behörden, auf alle Daten zuzugreifen, die auf den Systemen von US-Unternehmen lagern – weltweit.“ Heißt im Klartext: Wer seine Daten in Clouds von US-Unternehmen speichert, verliert die Kontrolle über seine Daten und damit im schlimmsten Fall seine wirtschaftliche Existenz.
Aktuell laufe die Digitalisierung in die falsche Richtung: Monopole sammeln unsere Daten und wir bezahlen sogar noch für die Programme, die das bewerkstelligen. Für Wehnes ist das kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Sicherheitsproblem.

Was passiert, wenn andere den Stecker in der Hand haben, dafür gibt es mehrere gut dokumentierte Fälle. Nur ein Beispiel: Nach US-Sanktionen gegen Vertreter des Internationalen Strafgerichtshofs verlor ICC-Chefankläger Karim Khan offenbar den Zugriff auf sein Outlook-E-Mailkonto. Auch wenn Microsoft bestreitet, aktiv „abgeschaltet“ zu haben, löste der Fall in der EU eine Debatte über „digitale Souveränität“ aus. Ein anderes, aktuelles Beispiel: Die Trump-Regierung will offenbar unliebsame wissenschaftliche Daten löschen, etwa zur Klimaforschung. Sie liegen auf international bedeutenden Forschungsdatenbanken in den USA. Am Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften in Hannover (TIB) sind Forscher derzeit unter Hochdruck dabei, diese Daten zu sichern. Der NDR berichtete darüber. Kurzum: US-Techkonzerne, die aufgrund amerikanischer Sanktionen, Exportkontrollen oder politischer Entscheidungen den Zugang zu Daten, Accounts oder digitalen Diensten einschränken bzw. abschalten, sind keine Fiktion.
„Digitale Souveränität ist kein Technikdetail, sondern Standort- und Sicherheitsfrage. Die Alternativen sind da – jetzt braucht es Entscheidungen.“
Die Abhängigkeit werde systematisch zementiert, sagt Wehnes. Sie beginne in den Schulen, wo Microsoft Software oft kostenlos zur Verfügung gestellt werde. „Das ist im Prinzip wie im Dealergeschäft: Der erste Joint ist gratis, später sind die Nutzer abhängig und werden über stetig steigende Lizenzgebühren kräftig zur Kasse gebeten.“ Seine Forderung: „Wir müssen aufhören, unsere Kinder im Microsoft-Biotop zu erziehen.“ Stattdessen sollten zumindest in Schulen, in Firmen und Krankenhäusern sowie in der Verwaltungen souveräne Lösungen zum Standard werden. „Wir dürfen keine digitale Kolonie werden.“
Das ist freilich auch ein politisches Thema. Erst Ende vergangenen Jahres machte die Nachricht die Runde, dass der Freistaat Bayern über einen zentralen Rahmenvertrag mit Microsoft verhandelt. Rund eine Milliarde Euro sollten in den kommenden fünf Jahren an den US-Giganten fließen – ohne Ausschreibung. „Während an Hochschulen und Bildung gespart wird, fließen Geld und Daten ab.“ Für Wehnes ist das ein Lehrbuchfall, wie Wettbewerb ausgebremst wird. Es geht um Arbeitsplätze vor Ort, um Chancen für den Mittelstand und um die Frage, ob Know-how in der Region bleibt. 160 bayerische IT-Unternehmen formierten sich und protestierten. Harald Wehnes auch. Doch seine Schreiben an Ministerpräsident Markus Söder blieben bis heute unbeantwortet.
Resignation ist für den Baldhamer Informatiker keine Option, er ruft auch uns Bürger zur „digitalen Selbstverteidigung“ auf. „Jeder kleine Schritt ist wichtig“, so sein Appell. Der Wechsel des Webbrowsers oder des E-Mail-Anbieters seien einfache erste Schritte. Es gäbe genügend Alternativen: LibreOffice, Linux, Nextcloud. Schleswig-Holstein sei hier auf dem richtigen Weg, aber auch Länder wie Frankreich oder Dänemark denken um – und rüsten um. Es brauche offene Standards, europäische Lösungen und praktische Gleichstellung der Alternativen. Wettbewerbliche Vergaben sollen Monokulturen verhindern, Daten sollen dort liegen, wo sie rechtlich geschützt sind.
Warum ihm das Thema so wichtig ist, will ich abschließend wissen. „Ich mache das für meine Kinder, für meine Enkel, für meine Studierenden, damit die ein ordentliches Leben haben. Ein Leben in einer guten digitalen Zukunft, wo sie selbst gestalten können und nicht gestaltet werden.“
