Wer Opfer einer Straftat wird, fühlt sich oft alleine gelassen. Viele Betroffene wissen nicht, an wen sie sich wenden können und welche Schritte wichtig sind. An diesem Punkt setzt der Weiße Ring an, der am 24. September vor exakt 50 Jahren gegründet wurde. Treibende Kraft war Eduard Zimmermann, der Erfinder von »Aktenzeichen XY… ungelöst«. Die Opferhilfeorganisation berät Betroffene diskret und kostenlos, begleitet sie zu Polizei, Anwälten oder Gericht und vermittelt therapeutische Hilfe. Wie wichtig diese Aufgabe ist, zeigt die Kriminalstatistik: 2024 wurden in Deutschland rund 744.000 Fälle von Straftaten gegen das Leben, die körperliche Unversehrtheit oder die sexuelle Selbstbestimmung erfasst. B304.de hat sich mit Rudolf Haberl, dem ehrenamtlichen Leiter der Außenstelle Ebersberg mit Sitz in Poing, getroffen und über seine Arbeit gesprochen.
„Das Wichtigste ist zunächst, dass wir zuhören“, sagt Rudolf Haberl. „Aus dem Zuhören entsteht Vertrauen – und erst dann können wir gemeinsam die nächsten Schritte gehen.“ Die ehrenamtlichen Opferhelfer des Weißen Rings verstehen sich als „Lotsen“ im für Außenstehende unübersichtlichen System aus Polizei, Justiz und therapeutischen Angeboten wie einer Traumaambulanz oder Selbsthilfegruppe.
Häufig werden Fälle von der Polizei oder der Kriminalpolizei an den Weißen Ring vermittelt. Oder es melden sich Verwandte und Freunde beim Weißen Ring. Andere suchen selbst Hilfe – manchmal in einer akuten Situation. Die Bandbreite der Delikte ist groß. Sie reicht von Erpressungsversuchen über schwere Körperverletzung bis hin zu sexueller Gewalt. Auch Stalking und Love Scamming nähmen im digitalen Raum stark zu, angetrieben durch künstliche Intelligenz und gefälschte Online-Profile.
Stalking und Love Scamming nehmen stark zu
In einem Fall wurde eine kommunale Mitarbeiterin über Jahre bedrängt. Der Täter verschickte Bilder und Videos an ihre Arbeitsstelle und versuchte, die Frau in der Öffentlichkeit bloßzustellen und herabzuwürdigen. Ihr Umfeld habe das Problem zunächst nicht ernst genommen. Sie sei doch eine „starke Frau“ habe es geheißen. Doch Stärke schützt eben nicht vor den psychischen Folgen jahrelanger Nachstellungen. Gemeinsam mit dem Weißen Ring wurde der Fall Stück für Stück aufgearbeitet – bis zur rechtskräftigen Verurteilung des Täters.
Für Haberl ist der Fall typisch für die Schwierigkeiten bei Stalking: Was mit Nachrichten oder unerwünschten Kontaktversuchen beginnt, kann sich über längere Zeit steigern und für Betroffene zu einer massiven Bedrohung werden.
Erpressung mit intimen Bildern
In einem anderen Fall meldete sich ein junger Mann, der intime Aufnahmen von sich verschickt hatte und anschließend damit erpresst wurde. Innerhalb weniger Stunden sollte er Geld übergeben. Auf den Weißen Ring war er nach eigener Aussage durch eine Anfrage bei einer Künstlichen Intelligenz aufmerksam geworden. Die zuständige Opferhelferin schaltete sofort die Kriminalpolizei ein. Diese übernahm den Fall und konnte noch vor der angekündigten Geldübergabe reagieren. Für Haberl zeigt das Beispiel, dass Menschen möglichst schnell handeln und sich keinesfalls aus Scham zurückziehen sollten.
Nicht jeder Fall ist derart akut. Häufig setzt die Arbeit des Weißen Rings erst ein, nachdem eine Straftat angezeigt wurde. Dann beginnt mitunter eine Begleitung, die sich über Monate hinziehen kann.
Hilfe nach sexualisierter Gewalt
Einen großen Teil der Arbeit machen Fälle sexualisierter Gewalt aus. Besonders belastend seien Situationen, in denen Kinder betroffen sind, sagt Haberl. Nicht immer könnten oder wollten sie unmittelbar erzählen, was passiert ist. Manche zögen sich zurück, veränderten ihr Verhalten oder entwickelten Ängste, deren Ursache für die Familie zunächst nicht erkennbar sei.
In einem aktuellen Fall aus der Region bemerkten Eltern, dass sich ihre noch junge Tochter plötzlich ungewöhnlich verhielt. Nach vorsichtigen Gesprächen entstand der Verdacht, dass sie von einem Verwandten missbraucht worden war. Doch sie wollte nicht darüber sprechen, aber ihr älterer Bruder, der ebenfalls missbraucht wurde. Der Weiße Ring half der Familie dabei, Kontakt zur Kriminalpolizei aufzunehmen und therapeutische Unterstützung zu finden.
Dabei gehe es nicht allein um ein Strafverfahren. Entscheidend sei ebenso, die langfristigen Folgen für ein Kind so weit wie möglich abzufangen. Traumatische Erlebnisse könnten Betroffene viele Jahre später erneut einholen – etwa in der Pubertät, in Beziehungen oder in bestimmten Alltagssituationen.
Auch Erwachsene melden sich teilweise erst Jahrzehnte nach einer Gewalterfahrung. Das bedeute nicht, dass ihnen das Geschehen plötzlich „eingefallen“ sei. Viele hätten das Erlebte lange verdrängt oder nie die Kraft und die Möglichkeit gehabt, darüber zu sprechen. Erst später zeige sich, wie sehr die Erfahrung ihr Leben weiterhin beeinflusst.
Die ehrenamtlichen Helfer begleiten Betroffene auf Wunsch auch zu Vernehmungen, Terminen bei Anwälten oder Gerichtsverfahren. Sie treten dort nicht als Zeugen oder juristische Vertreter auf. Ihre Aufgabe ist es, den Betroffenen Sicherheit zu geben und anschließend mit ihnen über das Erlebte sprechen zu können. Gerade ein Gerichtsverfahren kann belastende Erinnerungen erneut hervorrufen. Viele seien deshalb erleichtert, jemand an ihrer Seite zu haben, der den Fall kenne und nicht zur Familie oder zum engeren Umfeld gehöre.
Die Hilfe ist für Betroffene kostenlos. „Wir finanzieren uns aus Spenden, Nachlässen und Zuweisungen von Bußgeldern.“ Richter können frei entscheiden, wem Bußgelder zugutekommen. „Wir werben dafür, dass der Weiße Ring dabei nicht vergessen wird.“ Auf staatliche Hilfe verzichte man bewusst, um unabhängig zu bleiben. Es sind aber auch unbürokratische Gesten, die helfen, wie die der Gemeinde Poing. Die Kommune hat dem Weißen Ring einen neutralen Raum für vertrauliche Gespräche zur Verfügung gestellt.
Immer mehr Fälle – zu wenige Helfer
Doch die personelle Situation ist angespannt. Im Kern tragen im Landkreis Ebersberg Rudolf Haberl und seine Stellvertreterin Christa Gottschalk-Lochschmidt die Arbeit, drei weitere Personen befinden sich zwar in der Einarbeitung. Das reiche jedoch angesichts der Zahl der Hilfesuchenden nicht aus.
Alleine von Herbst vergangenen Jahres bis zum Frühjahr habe die Außenstelle Ebersberg bereits rund 40 Fälle betreut. Seitdem kämen monatlich etwa sechs bis acht neue hinzu. Manche könnten nach einer ersten Beratung weitervermittelt werden. Andere erforderten über längere Zeit regelmäßige Gespräche und Begleitung.
Gesucht werden daher dringend weitere ehrenamtliche Mitarbeiter – ausdrücklich Frauen und Männer. Manche Opfer möchten ausschließlich mit einer Frau sprechen, andere lieber mit einem Mann.
Neue Helfer werden sorgfältig ausgewählt, ausgebildet und bei ihren ersten Fällen begleitet. In der Ebersberger Außenstelle gilt zudem der Grundsatz, Opfergespräche möglichst zu zweit zu führen. Vier Augen und vier Ohren nähmen mehr wahr, sagt Haberl. Gleichzeitig schütze das Vorgehen auch die Ehrenamtlichen selbst.
Für die Opferhilfe interessierte sich Rudolf Haberl bereits seit der Gründung des Vereins im Jahr 1976. Wegen seiner beruflichen Verpflichtungen als Betriebsleiter und selbstständiger Berater blieb ihm jedoch lange keine Zeit, selbst aktiv zu werden. Heute ist der Witwer im Ruhestand und seit vielen Jahren in der Opferhilfe engagiert, rund zehn davon in leitender Verantwortung.
Für Haberl ist die Arbeit trotz belastender Fälle und so manchem, aus seiner Sicht viel zu mildem Gerichtsurteil, eine Aufgabe, bei der vor allem das Ergebnis zählt: Betroffenen konkrete Hilfe zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass sie mit ihrem Erlebten nicht allein bleiben.
Sie erreichen die Weißer Ring Außenstelle Ebersberg telefonisch unter 0151 / 55 16 46 66 oder ebersberg@mail.weisser-ring.de. Weitere Infos: www.ebersberg-bayern-sued.weisser-ring.de