Quelle: privat

Vom Wollen und Tun

von Dr. Frank Meik

Johann Wolfgang von Goethe hat gesagt: „Wir müssen nicht nur wissen, wir müssen auch anwenden, wir müssen nicht nur wollen, wir müssen auch tun.“ Das gilt aktuell für Politik und Verwaltung. Betrachten wir nach einem Jahr Corona die Analysen nüchtern, so steht fest, dass gerade in den demokratischen Ländern wie Amerika und Europa die Zahlen der Toten sehr hoch sind und auch der Infizierten, während Asien und auch Afrika noch niedrige Zahlen ausweisen. Dies kann in Afrika natürlich an den geringeren Tests liegen, aber sicher auch an einer jüngeren Bevölkerung und einer Bevölkerung, die viel im Freien lebt und keinen strengen Winter kennt. In Asien ist die Erklärung wahrscheinlich, dass man sehr frühzeitig auf digitale Nachverfolgung gesetzt und dabei weniger auf den Datenschutz geachtet hat. Bei uns hat dagegen der Datenschutz die Corona App zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Wir haben dafür Freiheiten eingeschränkt. Nach wie vor jagen die fast 400 Gesundheitsämter mit „Block und Bleistift“, wie man früher sagte, den Kontakten hinterher und sind hilflos überfordert, wenn eine gewisse Zahl überschritten wird. Es bleibt der Eindruck, dass wir wie im Mittelalter agieren, als es die heutigen technischen und digitalen Möglichkeiten noch nicht gab.

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Die getroffenen Maßnahmen der Politik wirken sehr bürokratisch, sind zu langsam und zu schwerfällig. Das gilt sowohl für den Schutz besonderer Risikogruppen als auch für Unterstützungszahlungen. Die Bundeswehr hat in den Gesundheitsämtern unterstützt, während sie vielleicht in Altenheimen oder Krankenhäusern wichtiger gewesen wäre. Es wurden große Impfzentren aufgebaut, bei der Bestellung des Impfstoffes aber zu zögerlich agiert und nun die Impfung mit Astra Zeneca ausgesetzt. Wir liegen bei den Impfungen bei 8%, Großbritannien ist weit vorausgeeilt, Amerika will die Impfungen im Mai abgeschlossen haben und Israel ist „durch“ und mittlerweile im Alltag fast wieder auf dem „Normalstand“. Was jetzt zählt ist Schnelligkeit und Flexibilität, nicht Perfektionismus.

Corona wurde zum absoluten Großereignis der Medien. Seit einem Jahr beherrscht die Pandemie nicht nur die Schlagzeilen. Es gibt Sendungen ohne Unterlass und die Spekulation und Emotion löst schon lange die Information ab. Fast jeden Tag wird in Talkshows, meist mit viel Eigenprofilierung, darüber gesprochen, wie falsch alles gelaufen ist und wer das schon immer gewusst hat (herzlich willkommen im Wahlkampfjahr). Es wird beklagt, wie langsam, wie bürokratisch und wie kleingeistig wir manchmal agieren. Handelt aber ein Politiker entschlossen, wird sofort mangelnde Sensibilität, fehlende Abstimmung und fehlende Solidarität kritisiert. Im Dschungel der Darstellungen und Meinungen weiß fast niemand mehr, was gilt, und vor allem, was richtig ist. In „3sat“ kamen dieser Tage viele Verfilmungen von Märchen. Das kalte Herz von Hauff behandelt ein Thema, das für uns auch spannend ist. Dort heißt es, es gibt Menschen, die leben ihr Leben und erzählen über ihre Erfahrungen und ihr Leben. Es gibt Menschen, die erfinden frei etwas, was es gar nicht gibt und wie sie auch gar nicht leben. Gesprochen wird am Lagerfeuer aber immer über die Zweiten. Das gilt auch für unsere Medien heute. Sensationen, Katastrophen, Voyeurismus, negative Nachrichten, vernichtende Urteile, das bestimmt unser Alltagsbild. Und ohne alles maßlos zu übertreiben und zu emotionalisieren, würden viele Boulevardmedien und Social-Media-Kanäle wahrscheinlich einschrumpfen. Weniger ist aber oft auch mehr. Leider sind die meisten Medien in der Pandemie immer noch stärker auf Sensationen und schlechte Nachrichten ausgerichtet als auf Information zur eigenverantwortlichen Abwägung und Beurteilung. Zudem gibt es ein unglückliches Zusammenspiel von Meinungsmache und politischer Entscheidung.

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Wir haben uns gewandelt von einem Volk der Dichter und Denker, der Wissenschaftler und der Logistikweltmeister zu einem Volk, das Genauigkeit bis zur Detailverliebtheit, Sicherheit und Gleichheit als größte Prinzipien verkörpert. In der Pandemie kommt unsere Technikfeindlichkeit dazu. Anders eingestellt waren die Deutschen wahrscheinlich nur in der Gründerzeit, wie die Wirtschaftsgeschichte im Deutschen Reich und Österreich-Ungarn im 19. Jahrhundert bezeichnet wird. Dies ist allerdings schon 170 Jahre her. Unser Streben heute nach Sicherheit ist dabei weniger auf die tatsächliche, sondern eher auf Bestandsicherung gerichtet. Bloß nichts falsch machen! Und dann das Thema Gleichheit. Wir beschäftigen uns anscheinend besonders gerne mit diesem Thema. Am besten sollte alles gleich sein. Dann kommt auch kein Neid auf und kein Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Diese Haltung ist fatal. Es gibt keine absolute Gleichheit und es gibt auch keine Gerechtigkeit. Wir müssen wieder lernen, dass unser Leben davon bestimmt ist, dass Freiheit und Verantwortung in den Vordergrund rücken und uns fragen, wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten.

Der Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus ist wichtig und richtig. Welche Formen allerdings die Diskussionen um Gleichheit und Gleichberechtigung einnehmen, darüber lässt sich trefflich streiten. Soll die Sprache wirklich so verbogen werden, dass sie nur noch mit Sternchen, Unterstrichen und mit Mehrfachwortbildungen daherkommt? Die Phalanx derer, die sich dagegen wehren, ist groß. Laut einer Umfrage sind nur wenige Prozent der Bevölkerung von diesen Gedanken beseelt. Allerdings wird über die Medien der Eindruck verbreitet, als sei dies längst eine Mehrheit. Welche Denkmäler der Geschichte sollten abgerissen, welche Namen von Städten, Plätzen und Einrichtungen müssen geändert werden, welcher Scherz ist noch erlaubt? Längst stehen auch Kunst und Satire, Philosophie und Literatur auf dem Prüfstand. Sollen Werke von Loriot verboten werden, weil sie diskriminierend sind? Gilt das auch für ältere Filme? Ist politisch korrekt nur das, was der Zeitgeist vorgibt und woran misst er sich in der Demokratie? Wo bleibt bei allem Maß und Mitte? Und womit beschäftigen wir uns eigentlich? Haben wir in Zeiten der Not und der Pandemie keine größere Sorge, als gerade in diesem Bereich innovativ sein zu müssen?

Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit, in der Gesellschaft und Wirtschaft umso robuster sind, je agiler und intelligenter sie handeln. Handeln und Tun müssen mehr im Vordergrund stehen, als darüber zu reden. Und auch in Deutschland machen wir sehr viel, wir schütten immense Geldbeträge aus, bauen große Impfzentren auf, legen die Reihenfolge der zu Impfenden fest und haben für jeden Vorgang mindestens 10 Seiten an Formularen geschaffen und einen Prozess, der von den Belehrungen bis zum geordneten Ablauf des Impfens alles klar festgelegt. Es geht aber nicht immer darum, den Perfektionismus zu kultivieren, sondern es geht darum, entschlossen das Richtige zu tun und aus Fehlern zu lernen. Demokratische Prinzipien sind in Phasen besonderer Gefahren wie z.B. einer Pandemie, aufrecht zu erhalten, ohne die Angstbremse einzulegen. Im Krisenmanagement ist Qualität, sind schnelle und profunde Entscheidungen und Handlungsschnelligkeit gefragt.

Wir wollten mit großer Hoffnung im Frühjahr das Osterfest gemeinsam feiern. Daraus wird wahrscheinlich nichts. Denn die Beschränkungen werden bleiben. Nun gilt unsere Hoffnung dem Frühsommer und dass bis dahin genügend geimpft und getestet werden kann. Im lokalen Bereich können aber wieder Aktivitäten beginnen. Volkshochschule und Musikschule werden wieder teilweise in Betrieb gehen, Kitas sind geöffnet und Schulen werden es ebenfalls sein. Das vermeintlich normale Leben, so sieht es aus, kehrt zurück. Aber dies ist trügerisch, die dritte Welle hat schon begonnen. Die Impfungen stecken in den Kinderschuhen. Wachsamkeit ist geboten.

Eine Hoffnung, die wir das letzte Mal schon hatten, hat sich bewahrheitet: Jogi Löw tritt nach der Europameisterschaft zurück, sieben Jahre zu spät, aber immerhin.

Optimismus ist auch mit Blick auf die Rotary Fußball Charity geboten, die im Sommer in Vaterstetten stattfinden soll. Der ursprünglich geplante Termin am 8. Mai war aber nicht zu halten. Wir haben sie, weil es ein großes Fest werden wird, auf den Sommer 2022 verlegt. Wichtiges und Aktuelles steht auf www. rotary-fussball.de.

Wir sollten bei allem Jammern aber nicht vergessen, wie gut es den meisten von uns geht. Natürlich gilt dies nicht für alle, insbesondere Künstler, Selbstständige und Klein- und Einzelunternehmer und bestimmte Branchen kämpfen um ihre Existenz. Helfen wir Ihnen, wo immer es geht!

Beharrlichkeit und Geduld sind Voraussetzungen für Nachhaltigkeit und Erfolg. Lassen Sie dies auch im normalen Leben gelten. Behalten Sie klar im Blick, was wichtig ist und lassen Sie sich trotz aller Einschränkungen und Unzulänglichkeiten die Freude am Leben in unserer Demokratie nicht nehmen. Sie ist die beste Staatsform, die wir kennen. Natürlich muss debattiert, aber auch innovativer und schneller gehandelt werden. Und wenn vieles gegen den Strich läuft, hilft stets noch Humor. Der erfolgreichste Fußballbundestrainer Helmut Schön hat einmal nach einer Niederlage gesagt: „So schnell lassen wir den Hochmut nicht sinken.“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen guten Frühling, einen schönen Sommer und eine erfolgreiche Fußball-Europameisterschaft! Bleiben Sie gesund!

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Frank Meik

Der Baldhamer Dr. Frank Meik ist geschäftsführender Gesellschafter des MW Verlags München und Autor der Bücher „Wir klicken uns um Freiheit und Verstand“, „Digitale Attacke“ und „Wege durch den Digitaldschungel“. Seit über 30 Jahren hat Meik Erfahrungen in der Führung von Unternehmen, ihrer strategischen Neuausrichtung und Neupositionierung bei Marktveränderungen gesammelt, davon 20 Jahre in eigener Führungsverantwortung, u.a. als Verlagsgeschäftsführer der Zeitungsgruppe Münchner Merkur/TZ und als Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Titelfoto: AdobeStock/wladimir1804

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