Die Halsschlagader, auch Carotis genannt, ist ein Gefäß, dessen Gesundheit entscheidend dafür sein kann, ob jemand einen Schlaganfall erleidet oder nicht. Dr. Heiko Wendorff, Chefarzt der Abteilung Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin des Klinikums Ebersberg München Ost, erklärt, was jeder tun kann, um Schäden an der Halsschlagader und anderen Gefäßen zu vermeiden, und wie Engstellen in der Halsschlagader diagnostiziert werden.
Herr Dr. Wendorff, wer muss sich Sorgen um seine Gefäße machen?
Dr. Heiko Wendorff: Jeder, der mindestens einem von vier Risikofaktoren ausgesetzt ist, sollte auf seine Gefäße achten: Da ist erstens Diabetes. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte greifen direkt die Innenwände der Blutgefäße an, lösen entzündliche Prozesse aus und führen zu Ablagerungen. Diabetes muss deshalb gut eingestellt sein.
Zweitens: Erhöhter Blutdruck, der sich mit Medikamenten nicht gut einstellen lässt. Insbesondere der obere Blutdruckwert, der sogenannte systolische Wert, ist für die Gefäße entscheidend. Er misst den maximalen Druck in den Arterien, wenn sich der Herzmuskel zusammenzieht, um Blut in den Kreislauf zu pumpen. Er sollte bei etwa 120 bis 130 liegen. Liegt er höher, schädigt das die Gefäßwände, fördert ebenfalls entzündliche Prozesse und löst Verhärtungen aus, die den Blutfluss erschweren.
Drittens: erhöhtes Cholesterin, genauer der LDL-Wert. Darüber gibt ein Bluttest Aufschluss, den Hausärztinnen und Hausärzte anbieten. Sind die LDL-Werte zu hoch, lagert sich das Cholesterin in den Blutgefäßwänden ab. Diese Ablagerungen (Plaques) verengen die Gefäße (Arteriosklerose) und können sie sogar verschließen. Der Körper versucht, die winzigen Verletzungen mit Hilfe von Blutplättchen und neuem Gewebe zu reparieren. Das führt dazu, dass die Gefäßwände zunehmend enger, starrer und spröder werden.
Und viertens: Rauchen. Was viele Menschen nicht wissen: Für die Gesundheit der Gefäße bringt es nichts, weniger zu rauchen, oder auf Vapes umzusteigen. Die Gefäße werden nur entlastet, wenn jemand gar nicht mehr raucht. Denn das Nikotin, das über den Blutkreislauf in alle Gefäße gelangt, kann an einzelnen Stellen ebenfalls Gefäßwände schädigen.
Warum ist die Halsschlagader ein so entscheidendes Gefäß, um Schlaganfälle zu vermeiden?
Sie ist der Weg, über den Blut in unser Gehirn gelangt. Wird sie durch Risikofaktoren verengt, man spricht dann von einer Carotisstenose, erhöht sich an dieser Stelle die Flussgeschwindigkeit des Bluts im Körper: von etwa einem Meter pro Sekunde auf bis zu vier Meter pro Sekunde. Die Gefahr daran ist, dass sich Ablagerungen durch das schneller fließende Blut von den Gefäßwänden lösen, ins Gehirn transportiert werden und so einen Schlaganfall auslösen. Das Gehirn wird dann nämlich nicht mehr richtig mit Sauerstoff versorgt.
Bei welchen Beschwerden sollte man hellhörig werden?
Es gibt ein Anzeichen, das viele Menschen aber nicht richtig einordnen: Wir sprechen von Amauris fugax, flüchtiger Blindheit. Die Betroffenen können kurzzeitig, meist auf einer Seite, nicht sehen. Wir sprechen von wenigen Sekunden, vielleicht Minuten. Oft denken die Menschen dann, es sei ein Problem der Augen. Wer diese Art von kurzzeitigem Sehausfall bemerkt, sollte so bald wie möglich seine Halsschlagader untersuchen lassen.
Wie wird die Diagnose Carotisstenose gestellt?
Der erste Schritt ist eine Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader, die in er Regel die Hausärztin oder der Hausarzt durchführen kann. Der Landkreis Ebersberg ist dabei über das Präventionsprojekt INVADE sehr viel weiter als andere Regionen. Für Versicherte bestimmter Kassen ist über INVADE die Untersuchung der Carotis sogar kostenlos.
Sollte das Ergebnis der ersten Untersuchung nähere Abklärung benötigen, sollte ein Facharzt oder eine Fachärztin zu Rate gezogen werden, beispielsweise Gefäßmediziner, Angiologen, Kardiologen oder Neurologen. Danach sind bildgebende Untersuchungen nötig, um die Arterien und Venen genau anzusehen: CT-Angiografie, MR-Angiografie.
Wie wird entschieden, ob operiert werden muss?
Wenn die Diagnose gesichert ist, klären wir im Klinikum Ebersberg München Ost in einem interdisziplinären Team aus Gefäßchirurgen, Neurologen und Radiologen gemeinsam, ob eine Operation nötig ist. Oft ist eine enge Kontrolle der Patientinnen und Patienten in Kombination mit den richtigen Medikamenten der richtige Weg. Wichtig ist dabei unter anderem, dass Bluthochdruck und Cholesterin gut eingestellt sind.
Wer mehr über die Behandlung einer Carotisstenose erfahren möchte, kann am Mittwoch, 10. Juni, den Vortrag „Carotis: Operation an der Halsschlagader um Schlaganfälle zu vermeiden – wann und wie?“ besuchen. Diese Veranstaltung in der Reihe Chefarzt-Gespräche beginnt um 18 Uhr im Speisesaal des Klinikums Ebersberg München Ost. Eine Voranmeldung ist nicht nötig.
