Quelle: Ilona Stelzl

Sarg von eBay

von Markus Bistrick

Ein Suppenlöffel als Grabbeigabe, Musik von Hubert von Goisern im Krematorium und ein Hausbesuch, den Andreas Frank so schnell nicht vergessen wird: Der Leiter der Vaterstettener Friedhofsverwaltung hat Geschichten auf Lager, die zeigen, dass der Tod nicht immer nur traurig sein muss. Der November, beginnend heute mit Allerheiligen, traditionell der Monat des Totengedenkens, schien uns ein passender Anlass für einen gemeinsamen Spaziergang über den örtlichen Friedhof. Schließlich stehen mit Allerheiligen, Allerseelen, dem Volkstrauertag und dem Totensonntag gleich mehrere Tage im Zeichen von Tod und Erinnerung. Im Gespräch mit B304.de erzählt Andreas Frank von skurrilen Bestattungswünschen, steigenden Kosten und einer Grabkultur im Wandel. Und verrät, warum er selbst unter die Erde möchte.

Man weiß ja nie, was einen im Jenseits erwartet. Und falls dort eine warme Suppe serviert wird, sollte man wenigstens das passende Besteck dabeihaben. Das dachten sich offenbar die Angehörigen eines Verstorbenen und legten ihm vorsorglich einen gewöhnlichen Esslöffel mit in den Sarg. Damit er auf dem Weg ins Jenseits noch ein „Supperl“ essen könne, lautete die Erklärung.

Es sind Geschichten wie diese, die Andreas Frank im Laufe seiner beruflichen Karriere erlebt hat. Vor zwei Jahren haben wir mit dem Pöringer bereits ausführlich über Leben und Sterben gesprochen. Höchste Zeit also für ein Wiedersehen. Diesmal wollen wir weniger über Bestattungsfristen und Friedhofssatzungen wissen, sondern darüber, was sich verändert hat, welche ungewöhnlichen Erlebnisse Frank in Erinnerung geblieben sind und ob es bei aller Trauer auch etwas zu lachen gibt.

Der Tod ist krisensicher

An Arbeit mangelt es Frank nicht. Drei bis vier neue Grabnutzungsrechte werden derzeit jede Woche in Vaterstetten vergeben – teils im Zusammenhang mit einem aktuellen Sterbefall, teils zur Vorsorge. Ein Grab wird nicht gekauft, sondern ähnlich wie eine Wohnung gepachtet bzw. gemietet – für mindestens zehn Jahre. Das Bestattungsaufkommen sei im Vergleich zu den umliegenden Gemeinden ausgesprochen hoch. Der Grund liegt vor allem in der Geschichte Vaterstettens. In den 1950er- bis 1970er-Jahren zogen zahlreiche junge Familien in die damals stark wachsende Gemeinde. Diese Generation ist inzwischen in die Jahre gekommen.

Platzprobleme entstehen dadurch allerdings nicht. Während neue Gräber vergeben werden, laufen andernorts Nutzungsrechte aus. Alte Grabstätten werden aufgelöst und die Flächen neu vergeben. Das hält sich nach Franks Angaben derzeit weitgehend die Waage. Eine Erweiterung des Friedhofs ist deshalb nicht erforderlich.

Was sich dagegen deutlich verändert, ist die Bestattungskultur. Rund drei Viertel aller Verstorbenen werden inzwischen in Urnen beigesetzt. Besonders gefragt sind pflegefreie Gemeinschaftsgrabanlagen.

Das klassische Familiengrab mit Grabstein, Gesteck und Gießkanne verliert an Bedeutung. Viele Menschen möchten ihren Angehörigen die spätere Grabpflege ersparen. Andere befürchten, dass sich irgendwann niemand mehr regelmäßig darum kümmern kann. Die Kinder wohnen vielleicht längst woanders, die Hinterbliebenen sind selbst schon älter. Und nicht jeder möchte sich zehn Jahre oder länger um die Bepflanzung kümmern müssen.

Andreas Frank auf dem Friedhof Vaterstetten, der eine Gesamtfläche von 31.111 Quadratmetern umfasst und sich an der Johann-Sebastian-Bach-Straße befindet. Der Friedhof ist in drei Teile gegliedert: Der älteste Teil ist traditionell angelegt. Die Einfach-, Zweifach- oder Dreifachgrabstätten sind durch Hecken abgeteilt. In allen Friedhofsabschnitten unterscheiden sich die Grabfelder durch unterschiedliche Gestaltungsvorschriften. Der mittlere Teil ist mit vielen Bäumen und Kleingehölzen bewachsen und parkähnlich gestaltet. Der neue Teil ist offener gestaltet und in den Grabfeldern können Einfach- oder Zweifachgräber angelegt werden. (Foto: Ilona Stelzl / B304.de)

In Vaterstetten gibt es deshalb Gemeinschaftsanlagen, bei denen die Pflege bereits im Preis enthalten ist. Rund 4.000 Euro kostet nach Franks Angaben eine solche Grabstätte einschließlich zehnjähriger Pflege und bereitgestellter Stele. Dreimal jährlich wird die Bepflanzung gewechselt. Billiger als ein herkömmliches Grab ist das nicht, dafür müssen sich die Angehörigen um nichts kümmern. Aber: Nicht jeder möchte sich den Erinnerungsort an einen geliebten Menschen mit fremden Familien teilen. Und manche Anlagen sind auch nur für eine einzelne Urne vorgesehen – für Ehepaare, die einmal nebeneinander ihre letzte Ruhe finden möchten, daher keine Option.

Frank selbst hat klare Vorstellungen davon, wie ein attraktiver Friedhof aussehen sollte. Zu viele gleichförmige Urnenstelen gefallen ihm nicht. Wenn man ausschließlich solche Anlagen errichte, sehe es irgendwann aus wie auf einem Soldatenfriedhof, meint er. In Vaterstetten setzt man auf Vielfalt.

Von teuren Fertigsystemen hält Frank übrigens wenig. Etwa von speziellen Urnenrohren, die in den Boden eingelassen und anschließend mit einem Deckel verschlossen werden. Grasbrunn bietet diese sogenannten Urnen-Erdgräber ab kommendem Jahr an. Solche „Flaschenpost“-Anlagen können nach seinen Angaben mehrere Zehntausend Euro kosten. Zudem sieht er ein grundsätzliches Problem: In den Rohren könnten biologisch abbaubare Urnen nicht wie vorgesehen verrotten. Nach Ablauf der Ruhezeit müssen sie deshalb unter Umständen aufwändig umgebettet werden.

Dennoch tut sich einiges auf den beiden gemeindlichen Friedhöfen. In Vaterstetten werden derzeit mehrere Dutzend ältere Sitzbänke saniert. Neue Pfandstationen mit Schubkarren ersparen lange Wege, kostenlose Pflanzerde hilft beim Auffüllen abgesackter Gräber. Und in Parsdorf stehen unter anderem Arbeiten an der Aussegnungshalle an.

Schnäppchenjäger aufgepasst

Auch der Seniorenbeirat hat eine Idee eingebracht: Ein „Ratsch-Bankerl“ soll künftig zum Gespräch auf dem Friedhof einladen. Ob der Friedhof tatsächlich zum beliebten Treffpunkt wird, bleibt abzuwarten. Aber warum eigentlich nicht? Schließlich findet auch das Leben auf dem Friedhof statt.

Wer übrigens glaubt, mit einer Feuerbestattung grundsätzlich günstiger davonzukommen, täuscht sich. Rund 800 Euro koste inzwischen häufig allein die Einäscherung, so Frank. Zum Vergleich: Für das Ausheben eines Sarggrabes nennt er etwa 400 bis 500 Euro. Natürlich sind das nur einzelne Kostenbestandteile, doch die Annahme, eine Urnenbestattung sei automatisch billiger, geht längst nicht mehr auf. Zumal sich rund um die Feuerbestattung ein immer größeres Angebot entwickelt hat. Wo früher häufig eine schlichte Aschenkapsel beigesetzt wurde, stehen heute zahlreiche Schmuckurnen und weitere individuelle Leistungen zur Auswahl.

Die Friedhofsverwaltung und damit Andreas Frank betreut den Friedhof Vaterstetten mit über 31.000 m² und den Friedhof Parsdorf mit über 3.200 m². (Foto: Ilona Stelzl / B304.de)

Schnäppchenjäger aufgepasst: Bei eBay werden schlichte Kiefernsärge für die Feuerbestattung schon ab 250 Euro angeboten, ein „Sarg Erdbestattung Kiefer Honigton“ kostet 579,95 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Allerdings hat die Sache einen Haken. Denn wer mit seinem selbst gekauften Sarg beim Bestattungsunternehmen auftaucht, stößt dort auf wenig Begeisterung. Schließlich gehört der Verkauf von Särgen zum Geschäftsmodell der Branche. Vor dem Onlinekauf sollte man also unbedingt klären, ob der Bestatter das Modell akzeptiert und die weiteren Leistungen übernimmt. Sonst muss man sich sein eigenes Grab schaufeln.

Anders sieht es dagegen mit gebrauchten Grabsteinen aus. Die werden auch über Kleinanzeigen angeboten, und davon hält Andreas Frank durchaus etwas. Schließlich gibt es wunderschöne, aufwändig bearbeitete alte Grabsteine, die nach der Auflösung eines Grabes andernfalls entsorgt oder zu Schotter verarbeitet werden. Warum also nicht wiederverwenden? Nachhaltiger lässt sich ein Grabstein schließlich kaum beschaffen.

Wenn Sie übrigens bereits ein schönes Plätzchen auf dem Friedhof entdeckt haben, Reservierungen sind jederzeit möglich. Vorausgesetzt natürlich, der gewünschte Platz ist noch frei. Ob man dann aber zeitnah sterben müsse, wollen wir wissen? Franks trockene Antwort: „Nein, aber zeitnah zahlen.“ 870 Euro Miete für ein Einfachgrab und für zehn Jahre in der Gemeinde Vaterstetten. In Grasbrunn sind je nach Lage mindestens 1.100 Euro fällig.

Dass sich nicht nur die Bestattungsformen, sondern auch die Trauerfeiern verändern, beobachtet Frank schon seit Jahren. Schwarze Kleidung ist längst kein Muss mehr. Andere möchten ausdrücklich fröhliche Musik. Besonders in Erinnerung geblieben ist Frank ein Sohn, der sich für die Trauerfeier seiner Mutter im Münchner Krematorium ein Lied von Hubert von Goisern wünschte – „Brenna tuats guat“. Der Wunsch wurde erfüllt.

Auch AC/DCs „Highway to Hell“ wäre für manche wohl eine passende musikalische Begleitung auf der letzten Reise. Frank sieht solche Ideen allerdings mit gemischten Gefühlen. Was am Stammtisch noch für einen herzhaften Lacher sorgt, kann in der Trauerhalle ziemlich beklemmend wirken. Vor allem für Angehörige, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben.

Überhaupt stellt sich die Frage, wie weit die Wünsche eines Verstorbenen gehen sollten. Muss man wirklich in bunten Kleidern erscheinen und fröhliche Lieder singen, wenn einem eigentlich zum Weinen zumute ist? Andererseits: Wenn sich jemand für seinen letzten Abschied ausdrücklich eine Leberspätzlesuppe und einen Schweinsbraten beim örtlichen Wirt gewünscht hat, sollte man das nach Franks Ansicht nicht einfach aus Kostengründen streichen. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem letzten Willen eines Verstorbenen und den Bedürfnissen der Hinterbliebenen. Eine allgemeingültige Antwort gibt es darauf wohl nicht.

Bei aller Freude an ungewöhnlichen Geschichten kennt Frank natürlich auch die traurigen Seiten seines Berufs. Besonders nahe gehen ihm Fälle, in denen junge Menschen sterben oder Familien völlig unerwartet einen Elternteil verlieren. Und dann gibt es jene Menschen, um die sich nach ihrem Tod niemand mehr kümmert. Zehn bis fünfzehn Bestattungen von Amts wegen organisiert die Gemeinde nach Franks Angaben jährlich. Manchmal sind keine Angehörigen vorhanden, manchmal ist der Kontakt zur Familie längst abgebrochen. „Auch diese Menschen haben einen würdigen Abschied verdient.“ Die Gemeinde organisiert deshalb eine reguläre Beisetzung, auf Wunsch auch mit geistlichem Beistand.

Ein besonderes Anliegen ist ihm außerdem die Grabstätte für sogenannte Sternenkinder. Auch Eltern, deren Kind bereits vor der Geburt verstorben ist, sollen einen Ort für ihre Trauer haben. Die Gemeinde stellt dafür eine kostenlose Grabstätte zur Verfügung und ermöglicht nach Franks Angaben auch Familien von außerhalb Vaterstettens die Beisetzung.

Neu gestaltet wurde zudem eine Sammelgrabstätte für Urnen, die nach Ablauf der Ruhezeit aus aufgelösten Gräbern stammen. Früher wurden solche Urnen an einer nicht eigens gekennzeichneten Stelle des Friedhofs wieder beigesetzt. Heute erinnert ein Gedenkstein an die Verstorbenen, die Anlage wird regelmäßig gepflegt und bepflanzt.

Und wie möchte Andreas Frank selbst einmal bestattet werden? Darüber hat sich der Mann vom Fach längst Gedanken gemacht. Obwohl die Feuerbestattung heute klar dominiert, bevorzugt er das klassische Erdgrab. Nicht aus religiösen Gründen, sondern aus seiner persönlichen Vorstellung von einem natürlichen Kreislauf. Ein Lebewesen stirbt, zersetzt sich und wird wieder Teil der Natur. Warum sollte das beim Menschen anders sein? Eine Einäscherung benötige dagegen zusätzliche Energie. Vielleicht, so stellt Frank sich das vor, wächst irgendwann sogar ein kleines Bäumchen aus seinem Grab. Ein schöner Gedanke, der dem Tod für einen Moment etwas von seiner Endgültigkeit nimmt.

Zum Abschluss unseres Rundgangs erinnert sich Frank noch an eine besonders skurrile Geschichte. Er war zu einer Familie nach Hause eingeladen worden, um die Einzelheiten einer Bestattung zu besprechen. Mehrere Angehörige saßen bereits am Tisch. Man bot ihm einen Platz auf der Eckbank an. Frank setzte sich dazu, holte seine Unterlagen heraus und begann mit den üblichen Fragen. Irgendwann wollte er wissen, wo sich der Verstorbene befinde. Schließlich müsse der Abholdienst wissen, ob Treppen zu überwinden seien oder andere Besonderheiten zu beachten wären. Die Antwort der Familie kam ganz selbstverständlich: „Ja, der sitzt neben Ihnen.“ Der Verstorbene war auf der Eckbank gestorben und die Familie hatte ihn einfach dort sitzen lassen. Wer Andreas Frank beruflich begegnet, hat dafür meist einen traurigen Anlass. Gut, dass man dann auf jemanden trifft, der nicht nur sein Handwerk versteht, sondern auch die Menschen. Der weiß, wann Einfühlungsvermögen gefragt ist und wann ein Lächeln guttun kann. Seinen Job nimmt Frank ernst, sich selbst zum Glück nicht immer. Unser Spaziergang über den Friedhof war jedenfalls vieles, nur eines ganz sicher nicht: sterbenslangweilig.