Quelle: privat

Der ewige Gläubiger

von Markus Bistrick

Mit dieser Headline überschrieb die Süddeutsche Zeitung einen Artikel über den Baldhamer Norbert Peters im vergangenen Jahr. Die bittere Geschichte dahinter: Der 82-Jährige wartet seit über 30 Jahren auf 72 Millionen Euro, mit Zinsen: 276.905.887,14 Euro. Diese Summe schuldet ihm der ukrainische Staat bis heute – und das, obwohl sich bereits mehrere deutsche Bundesregierungen für Peters eingesetzt haben. Der umtriebige Unternehmer fühlt sich um sein Lebenswerk betrogen. Die Hoffnung hat der dreifache Vater dennoch nicht aufgegeben.

Norbert Peters ist 1944 in Königsberg geboren. Mit seiner Mutter flüchtet er damals über Polen, nach Dresden und schließlich nach Hamburg. Als junger Mann kämpft er sich im Nachkriegsdeutschland nach oben. Tagsüber sitzt er am Steuer eines Lkw, nachts serviert er als Kellner, um sich sein Elektrotechnik-Studium leisten zu können. Schon im Grundstudium tingelt er im Auftrag von Varta durch den Ostblock und bringt dort massenhaft Akkus und Batterien an den Mann.

„Ich war einmal ein sehr wohlhabend“

Die Chefs bei Varta sind schnell überzeugt von ihrem Verkaufstalent – und machen ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann: ordentliches Gehalt, fette Prämien, dafür Schluss mit Hörsaal. Peters überlegt nicht lange und gibt Vollgas. In seinem Firmenwagen, einem weißen Opel Rekord, spult er Jahr für Jahr fast 100.000 Kilometer ab – meist über holprige Straßen irgendwo im Ostblock. Am Ende zahlt sich das Tempo aus: Über die Jahre baute sich Peters, der 1978 seine eigene Firma Varex gründet, ein beachtliches Vermögen auf.

„Ich war einmal ein sehr wohlhabend“, sagt Norbert Peters, der uns an seinem 82.Geburtstag vormittags an seinem Esstisch in Baldham bei einer Tasse Kaffee gegenüber sitzt. Buntgestreiftes Hemd, die oberen Knöpfe offen, ein dunkelblauer Blouson hängt an seinen Schultern, weißes Haar, die Augen hellwach. Auf dem Holzstuhl neben ihm steht ein schmaler Aktenkoffer. Darin ein schwarzer Schnellhefter mit dem handschriftlichen Vermerk „Causa: Varex / Ukraine“ und Akten, die seine Forderungen als rechtmäßig belegen.

Varex, so heißt sein Unternehmen, das bis 2019 mit mehreren Dutzenden Angestellten am vornehmen Münchner Promenadeplatz residiert, bevor es notgedrungen in sein Einfamilienhaus nach Baldham umziehen muss. Zwei Flugzeuge zählten einst zum Firmenbesitz. Von alledem ist nichts mehr übrig geblieben. Auch Immobilien in Florida sowie seine Luxusuhren-Sammlung hat Norbert Peters längst verkaufen müssen. Schon alleine deshalb, um millionenschwere Anwaltsrechnungen im Rechtsstreit mit der Ukraine bezahlen zu können. Das verbliebene Eigentum ist beliehen.

Bevor diese Zeilen aber zu einer Sternstunde für Sozialneider werden: Mitleid ist nicht zu erwarten, aber das will Norbert Peters auch gar nicht. Er möchte nur endlich sein Geld zurück haben, dass ihm nachweislich zusteht. Für ein Geschäft aus den 90er Jahren.

Eine Flasche Wodka mit Jelzin

Peters, der neben Russisch und Polnisch noch drei weitere Sprachen beherrscht, ist damals äußerst erfolgreich im Osthandel aktiv und spürt, etwa für Siemens, mögliche Geschäfte auf. Er koordiniert die Zusammenarbeit mit Behörden oder finanziert Geschäfte vor, wenn Garantien der staatlichen Exportförderagentur Hermes auf sich warten lassen. Peters selbst verkauft keine Produkte, er ist auf Wirtschaftskooperationen spezialisiert und Devisenbeschaffer.

Mit Boris Jelzin leerte Norbert Peters 1984 eine Flasche Wodka; Leonid Kutschma, der einstige Präsident der seit 1991 von der Sowjetunion unabhängigen Ukraine zählte zu seinen Duz-Freunden.  Der Wahl-Baldhamer ist in Osteuropa bestens vernetzt.

Am 31. Mai 1991 beschließt der ukrainische Ministerrat offiziell den Kauf modernster Medizintechnik von Siemens. Kurz darauf unterschreibt der damalige Gesundheitsminister Jurij Spischenko in Erlangen einen entsprechenden Vertrag. In den Jahren 1991 bis 1994 werden Geräte wie Computertomographen, Magnetresonanz- und Ultraschallgeräte an ukrainische Krankenhäuser geliefert, wo zu dieser Zeit noch viele Opfer der Nuklear-Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 behandelt werden. Varex finanziert das Geschäft in Höhe von heute umgerechnet 72 Millionen Euro vor und bekommt als Sicherheit eine zeitlich unbefristete Staatsbürgschaft der Nationalbank in Kiew.

Aufgeben ist keine Option

Doch bis heute machen die Ukrainer keine Anstalten, die Millionenschulden zu bezahlen. Und das, obwohl sich immer wieder Spitzenpolitiker – von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) bis zu Kanzlerin Angela Merkel (CDU) – für Norbert Peters einsetzten und die Ukraine auf ihre Verbindlichkeiten ansprachen – diplomatisch im Ton, aber inhaltlich unmissverständlich formuliert. Besonders bitter: Zwischenzeitlich hatte die Nationalbank der Ukraine sogar einmal die Echtheit der staatlichen Garantie bezweifelt. Und auch wenn der amtierende Präsident Wolodymyr Selenskyj laut Akten versprochen hat, die Schulden nun endlich zu bezahlen: passiert ist bislang nichts.

Aufgeben ist für Norbert Peters keine Option. Direkt nach unserem Gespräch setzt sich der 82-Jährige in seinen schwarzen VW Phaeton und düst zu neuerlichen Verhandlungen nach Berlin.