Kassenpatienten verlieren ihren Hausarzt

von Markus Bistrick

Ich habe Medizin studiert, um mit den Menschen zu arbeiten und nicht, um mich um Bürokratie zu kümmern und Formulare auszufüllen“, sagt der Vaterstettener Hausarzt Dr. Emanuel Kemmerich. Früher waren seine Tage vor allem von Patienten geprägt. Hausbesuche bei Senioren, Gespräche mit chronisch Kranken, individuelle Betreuung von Familien über Generationen hinweg. Heute bestimmen Aktenordner, Anwälte und Schriftverkehr seinen Alltag. Der Mediziner kämpft ums wirtschaftliche Überleben und muss dieser Tage notgedrungen seine kassenärztliche Zulassung abgeben. Ab Oktober kann er nur noch Privatpatienten oder Selbstzahler behandeln. Für Kemmerich eine Katastrophe, für viele seiner Patienten auch. Ein drastisches Beispiel von vielen.

Seit 16 Jahren betreibt Dr. Emanuel Kemmerich seine Praxis in Vaterstetten. Seine Patienten schätzen ihn als jemanden, der sich Zeit nimmt. Einer, der auch dann noch zum Hausbesuch fährt, wenn andere längst an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Die Folge: Seine Praxis wuchs kontinuierlich. Zeitweise betreute er nach eigenen Angaben mehr als 1.600 gesetzlich versicherte Patienten. Doch damit ist demnächst Schluss.

Aus einem Fehler wird ein Existenzkampf

Begonnen hat alles mit einer Plausibilitätsprüfung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) im Jahr 2023. Hintergrund waren Abrechnungen aus den Quartalen 4/2022 und 1/2023. Eine neue Mitarbeiterin hatte nach Angaben des Arztes Leistungen falsch erfasst und zu viele sogenannte psychotherapeutische Gesprächsleistungen abgerechnet. Der Fehler wurde entdeckt, die Mitarbeiterin abgemahnt. Für den Mediziner schien die Angelegenheit zunächst geklärt. Doch die Prüfung weitete sich aus.

Inzwischen geht es nicht mehr um einzelne fehlerhafte Abrechnungen, sondern um die Dokumentation von Behandlungen über mehrere Jahre hinweg. Die KVB beanstandet nach Angaben des Arztes die Nachvollziehbarkeit von Einträgen in Patientenakten und fordert Rückzahlungen in vielfacher sechsstelliger Höhe. Eine existenzbedrohende Summe. Und noch ist der Kampf nicht vorbei. Das juristische Verfahren läuft. Aufgeben, sagt der Mediziner, könne er sich nicht leisten. Man spürt, dass ihn das Ganze brutal mitnimmt. Die KVB möchte sich B304.de gegenüber nicht zu dem konkreten Fall äußern – mit Hinweis auf den Datenschutz.

Dokumentationen in vielen Fällen praxisfern

Der Arzt beschreibt sich selbst als Vertreter einer aussterbenden Generation von Hausärzten. Viele seiner Patienten kenne er seit Jahren, manche seit Jahrzehnten. Was für ihn Ausdruck einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung sei, werde nun zum Problem. Die geforderten Dokumentationen, die jeden Behandlungsschritt lückenlos nachvollziehbar machen sollen, hält Kemmerich in vielen Fällen für praxisfern. „Wenn ich einen Patienten seit zehn Jahren betreue, muss ich nicht jedes Detail immer wieder neu aufschreiben“, sagt er uns. Besonders bei sensiblen Themen stoße das System an Grenzen. Nicht jede persönliche Information lande ausdrücklich in der Akte. Was für ihn Ausdruck ärztlicher Diskretion sei, werde von den Prüfern teilweise als unzureichende Dokumentation gewertet.

Hinzu kommt ein kompliziertes Vergütungssystem: Besonders anspruchsvoll sind dabei ältere Patienten. Viele leiden an mehreren chronischen Erkrankungen gleichzeitig, benötigen regelmäßige Kontrollen, Medikamentenchecks, Überweisungen und Hausbesuche. Der Behandlungsaufwand ist oft um ein Vielfaches höher als bei jüngeren Patienten. Hausärzte kritisieren seit Jahren, dass diese intensive Betreuung im Vergütungssystem nur unzureichend berücksichtigt werde – während gleichzeitig die Anforderungen an Dokumentation und Abrechnung stetig wachsen.

Ein Fall aus Vaterstetten – ein Problem für ganz Deutschland

Aus Sicht von Dr. Emanuel Kemmerich leidet die medizinische Arbeit zunehmend unter den bürokratischen Anforderungen Damit ist er nicht alleine. Fakt ist: Rund 61Tage im Jahr sind Ärzte und Psychotherapeuten allein mit Bürokratie beschäftigt. Zeit, die für ihre Patienten fehlt. „Unter diesen Bedingungen will keiner mehr arbeiten“, sagt Kemmerich.

Die KVB verweist B304.de gegenüber auf die geltenden rechtlichen Vorgaben. Die Dokumentation müsse die verpflichtenden Inhalte der jeweiligen Gesprächsleistungen oder Hausbesuche erkennen lassen. Zudem seien die Vorgaben des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) sowie die dazu ergangene Rechtsprechung des Bundessozialgerichts zu beachten. Zwar seien Bürokratieaufgaben grundsätzlich belastend, bestimmte Tätigkeiten – insbesondere die Dokumentation von Behandlungen – seien jedoch unverzichtbar.

Aktenberge statt Patientenversorgung

Der Konflikt mit der KVB belastet den Praxisalltag von Dr. Emanuel Kemmerich inzwischen massiv. Immer neue Unterlagen würden angefordert. Parallel laufen juristische Auseinandersetzungen. Der Arzt berichtet von Forderungsschreiben, Telefonaten und Drohungen, sämtliche Zahlungen einzustellen, obwohl das Verfahren noch nicht abgeschlossen ist. Ihm bereitet all das schlaflose Nächte.

Ein zwischenzeitlich eingeleitetes Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Abrechnungsbetrugs wurde nach seinen Angaben eingestellt. Ein vorsätzliches Handeln konnte nicht nachgewiesen werden. Am grundsätzlichen Streit mit der Kassenärztlichen Vereinigung habe dies jedoch nichts geändert.

Ab Oktober nur noch Privatversicherte

Um den drohenden finanziellen Schaden abzuwenden, sieht sich Dr. Emanuel Kemmerich inzwischen gezwungen, seine Kassenzulassung abzugeben. Ab Oktober will er sich auf die hausärztliche Versorgung von Privatpatienten und Selbstzahlern sowie zusätzlich auf ästhetische Medizin konzentrieren. Für seine gesetzlich versicherten Patienten ist das eine Katastrophe. Schon heute suchen viele Menschen im Landkreis verzweifelt nach einem Hausarzt. Freie Kapazitäten sind rar. Wartelisten werden immer länger.

Der Fall aus Vaterstetten steht exemplarisch für eine Entwicklung, die Ärzteverbände seit Jahren kritisieren. Immer mehr Zeit fließt in Dokumentation, Nachweise und Abrechnungsprüfungen. Gleichzeitig wächst der Personalmangel in den Praxen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen verweisen dagegen auf ihre gesetzliche Verpflichtung, die korrekte Verwendung von Beitragsgeldern zu kontrollieren und die Einhaltung von Abrechnungsregeln sicherzustellen. Die Prüfverfahren seien der KVB durch den Gesetzgeber vorgeschrieben. Man gehe dieser Aufgabe „mit Maß und unter Anwendung von Ermessensspielräumen“ nach, teilte die Körperschaft auf B304.de-Anfrage mit. Man sehe sich beim Thema Bürokratieabbau grundsätzlich auf der Seite der niedergelassenen Ärzte. Viele Regelungen würden allerdings auf Bundesebene beschlossen und könnten daher nicht allein in Bayern verändert werden.

„Wenn das so weitergeht, wird es immer weniger Ärzte geben, die diesen Beruf noch machen wollen“, so Kemmerich. Und damit stellt sich eine Frage, die weit über eine einzelne Praxis hinausgeht: Was passiert mit der medizinischen Versorgung, wenn engagierte Hausärzte nicht an ihren Patienten, sondern an der Bürokratie scheitern? Schon jetzt gilt: Es gibt Kranke, die nie zu Patienten werden, weil sie keinen Arzt finden.
Gute Besserung!