In guten wie in schlechten Zeiten

von Catrin Guntersdorfer

Ingrid und Rudolf Penzias aus Baldham feiern ihre Diamantene Hochzeit – ein sehr seltenes Jubiläum. Das hat mehrere Gründe: zum einen heiraten Paare nicht mehr so jung. Zum anderen gehören Scheidung und Trennung heute leider zum Alltag. Vielen Menschen ist es aber auch schlicht und ergreifend nicht vergönnt, das nötige Alter für dieses Jubiläum zu erreichen. Immerhin muss man zum Feiern einer Diamantenen Hochzeit 60 gemeinsame Ehejahre vorweisen können. Wer den 60. Hochzeitstag feiert, ist also mindestens 78 Jahre alt.

Vom Pech verfolgt

Mit 88 und 79 Jahren konnten diesen Dienstag Rudolf und Ingrid Penzias aus dem Rehweg in Baldham das seltene Jubiläum feiern. Jedoch mit Einschränkungen. “Leider sind wir gerade beide verletzt”, erklärt Ingrid Penzias entschuldigend. Erst hatte sie selbst einen Radunfall, bei dem sie sich schwer an Arm und Schulter verletzte. Dann stürzte ihr Mann im Haus die Treppe hinunter. “Er hat sich die Schulter angebrochen und am Kopf verletzt”, berichtet die 79-Jährige, fügt jedoch lachend hinzu: “Wir passen jetzt gut zusammen: bei ihm ist es die linke Seite, bei mir die rechte. Wir ergänzen uns.” Den Humor hat Ingrid Penzias all die Jahre über nicht verloren, auch wenn das Ehepaar auf einige Schicksalsschläge zurückblickt, sich gute und schlechte Zeiten immer abwechselten, erinnert es sich doch in erster Linie an die schönen Momente zurück. Und das vom ersten Tag an.

Ingrid und Rudolf Penzias (hinten) mit Ingrids Schwester Angela und deren Bräutigam Erwin. (Foto: privat)

“Unsere Hochzeit war eine Traumhochzeit!”, schwärmt Ingrid Penzias. “Als meine Schwester Angela gehört hat, dass wir heiraten wollen, hat sie gleich gemeint: “Da heiraten wir mit!” – So gab es eine Doppelhochzeit der beiden Mädls in der Ramersdorfer Kirche. “Die war gesteckt voll mit Gästen, und wir hatten eine wunderbare Musikkapelle”, erinnert sich Ingrid Penzias, deren Ehe im Gegensatz zu der der Schwester, bis heute Bestand hat.

Seit über 50 Jahren in Baldham

Kennengelernt haben sich die beiden gebürtigen Münchner Ingrid und Rudolf Penzias im elterlichen Textilgeschäft von Rudolf, wo Ingrid angestellt war. Nach der Hochzeit bezog das Paar zunächst eine Wohnung in Schwabing. Nachdem sich nach Tochter Christina Sohn Michael ankündigte, wurde die Wohnung jedoch zu klein. “Ich kannte den Ort Baldham nur vom Vorbeifahren, wenn ich mit meinen Eltern an den Wochenenden in unserem VW-Käfer auf der B304 an den Chiemsee gefahren bin”, erzählt Ingrid Penzias. “Meine Mutter meinte, das sei ein chicer Ort, in dem viele Künstler und Musiker wohnen. Und als wir gelesen haben, dass es hier ein Reihenmittelhaus zu kaufen gibt, haben wir uns das angeschaut.” Und fast am selben Tag noch den Kaufvertrag unterschrieben. “Da hatten wir schon ein paar schlaflose Nächte danach. Man macht sich ja doch Sorgen, ob man das alle bezahlen kann”, erinnern sich beide an den Neuanfang. Trotzdem bezog das Paar mit seinen beiden kleinen Kindern 1969 eins der Reihenhäuser im Rehweg in Baldham – mit freiem Blick aufs Feld. “Das freut uns sehr, dass uns die Sicht über alle die Jahre nie verbaut wurde”, betont Rudolf Penzias. Und auch die nette Nachbarschaft weiß das Ehepaar sehr zu schätzen, obwohl sich in der letzten Zeit ein Generationenwechsel bemerkbar macht. “Alle sterben langsam weg”, bedauert Ingrid Penzias nachdenklich, ergänzt aber mit einem Augenzwinkern: “Die guten Rehwegler werden aber alle alt!”

Zum Gratulieren kamen die stellvertretende Bürgermeisterin Maria Wirnitzer (li.) sowie der stellvertretende Landrat und Alt-Bürgermeister Georg Reitsberger. (Foto: Catrin Guntersdorfer/ B304.de)

Wer hat die Hosen an?

Und so konnte die Penzias auch eine schwere Krankheit Rudolfs nicht aus der Bahn werfen. “An meinem Mann schätze ich sehr, dass er nie aufgegeben hat, obwohl er schwere Schicksalsschläge ertragen musste. Er ist ein richtiger Kämpfer und auf ihn ist immer Verlass”, hebt Ingrid Penzias die Vorzüge ihres Ehemanns hervor. Und auch Rudolf betont, wie sehr er seine Frau zu schätzen weiß und lacht: “Die Frau hat bei uns die Hosen an, jetzt zumindest- aber das ist doch auch wurscht – früher hatte ich sie an”. Ingrid Penzias kontert daraufhin schnell: “Ist doch schön, wenn er das denkt!” So war auch Ingrid in früheren Jahren die treibende Kraft, wenn es um die Urlaubsplanungen der Familie ging.

“Rudolf wollte ja eigentlich nie weg. Wenn er dann aber nach dem Urlaub heim kam, hat er allen immer erzählt, wie schön es war.” Und so haben die Penzias unzählige Länder bereist: Burma, Kambodscha, Ägypten, Südafrika. “Da waren Flüge dabei, die würde ich heute nicht mehr machen. Einmal war unser kleines Flugzeug so überladen, dass es nicht in die Luft kam, über die Startbahn hinausschoss und im Acker landete”, erinnert sich Ingrid Penzias mit Schrecken zurück. Viele Male wurde auch die Verwandtschaft von Rudolf in den USA besucht. “Als wir einmal nicht zu einer Feier gekommen sind, wurden wir schon von einer Verwandten angerufen und scherzhaft mit den Worten gefragt: ‘Wo bleibt ihr denn. Macy’s wundert sich auch schon, wo ihr seid!'” Nur bei einem Land streikte Rudolf bereits nach dem ersten Besuch: Indien! “Das Essen war gar nix für ihn”, begründet Ingrid seine Ablehnung. Er erklärte seiner Ehefrau damals in bestem Bayrisch: “Oans sog i da – wennst wieda amoi oide Kirchn oschaun wuist, dann fahrst nach München. Da gibts a gnuag zum Seng!” Und so blieb der Besuch in Indien eine einmaliges Gastspiel, an das sich die beiden an ihrer Diamantenen Hochzeit aber doch gerne mit einer kleinen Träne im Auge zurückerinnern.

B304.de gratuliert ganz herzlich zur Diamantenen Hochzeit.

Das junge Brautpaar Ingrid und Rudolf Penzias 1961. (Foto: privat)
Auch die Hochzeitsanzeige hat Ingrid Penzias aufbewahrt. (Foto: Catrin Guntersdorfer/B304.de)