Quelle: Tom Krüger

Disciples-Chefin über Baseball, Herzblut & Haltung

von Markus Bistrick

Die Saison im Ballpark Eglfing ist zu Ende. Im B304.de-Interview spricht Christiane Bertl, 1. Vorsitzende der Haar Disciples, über sportlichen Stolz, das deutschlandweite Vereinssterben und ihren ganz persönlichen Grund, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Frau Bertl, der Herbst ist eingekehrt, die Trikots sind gewaschen und auf dem Spielfeld im Ballpark Eglfing wird es langsam ruhiger. Wenn Sie auf die abgelaufene Saison der Haar Disciples zurückblicken: Welches Bild oder welcher Moment bleibt Ihnen persönlich besonders in Erinnerung?

Es sind so viele Momente und Erinnerungen … dieses Jahr habe ich die DBL-Mannschaft zu jedem Gegner einmal zur Auswärtsbegegnung begleitet und viel in den gegnerischen Stadien gelernt. Beeindruckt hat mich insbesondere eine Aussage unserer Gegner, dass die Mannschaft sich enorm entwickelt hat. Das haben mir auch die Spiele gezeigt. Wir konnten in sehr vielen Spielen mit unserer jungen Mannschaft den erfahrenen Teams die Stirn bieten. Das macht mich stolz. Stolz macht mich außerdem, dass insbesondere im einen oder anderen Damen-Spiel ein paar unserer Herren das Catering gerockt haben. Ich hoffe, diese Unterstützung der Teams untereinander bleibt und nimmt zu. Und ich erinnere mich mit Freude an unseren Team Day im März noch in der Halle und unseren Club Day im August im Ballpark. Es ist großartig, wenn die Spieler aller Teams aufeinandertreffen und einfach Spaß haben. Dass unser BBQ-Team den Club Day in Eigenregie auf die Beine gestellt hat, erfüllt mich auch sehr mit Stolz und Dankbarkeit.

Baseball und Softball sind emotionale, rasante Sportarten. Aber ein Verein lebt nicht nur von Homeruns und Siegen. Wie bilanzieren Sie das Vereinsleben im vergangenen Jahr abseits des Platzes?

Man merkt, dass wir uns ohne Vereinsheim und mit begrenzten Trainingsflächen schwertun, uns über die Teamgrenzen hinweg miteinander zu vernetzen. Dies hemmt unsere Mitglieder, sich neben dem Sport aktiv für das Vereinsleben zu engagieren. Doch ohne Engagement im Hintergrund und abseits des Platzes ist es kaum möglich, Administration, Organisation und Finanzen hinreichend zu bedienen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass unser Vereinsleben wächst und unsere Mitglieder neben Trainings und Spielen auch eine erfüllende Gemeinschaft im Verein erleben. Denn das macht doch einen Verein aus – gemeinsam Zeit miteinander zu verbringen.

Viele Menschen sehen in einem Sportverein rein den Zweck, einmal die Woche zum Training zu gehen oder am Wochenende ein Spiel zu machen. Warum greift das aus Ihrer Sicht bei den Disciples viel zu kurz?

Das greift aus meiner Sicht nicht nur bei den Disciples zu kurz, sondern bei jedem Verein! Ein Verein ist eine Gemeinschaft, die sich zusammen für etwas einsetzt – in unserem Fall für hochklassigen Baseball und Softball im Münchner Osten – in Bayern – in Deutschland. Ohne die Bereitschaft der Mitglieder, sich über Trainings und Spiele hinaus für ihren Verein zu engagieren, verkümmert er. Das deutschlandweite Vereinssterben zeigt das sehr dramatisch. Sehr oft ist es weniger der Mangel an Geld als der Mangel an Ehrenamtlichen, der Vereine dazu zwingt, sich zusammenzuschließen oder ganz aufzuhören.

Sie betonen, dass ein Verein eine Gemeinschaft ist, die weit über das Sportliche hinausgeht. Was bedeutet dies ganz praktisch im Alltag der Haar Disciples?

Wir sind noch nicht ganz da, wo ich uns gern hätte. Ich wünsche mir, dass unsere Teams auf den verschiedenen Alters- und Leistungsstufen sich regelmäßig begegnen, dass sie sich über ihre Erfahrungen und Ziele austauschen, ihr Wissen zur Pflege unserer Sportanlage ebenso teilen wie die neuesten Trainingstrends. Auch für das Netzwerken mit lokaler Politik, lokaler Wirtschaft und den Baseball/Softball- und Sportvereinen der Region wünsche ich mir viele Unterstützer. Gleichzeitig ist klar erkennbar: Ich kann die Fortschritte der letzten beiden Jahre im Zusammenhalt deutlich sehen. Wir gehen Schritt für Schritt voran.

Wenn man an ehrenamtliche Mithilfe denkt, fällt den meisten Bratwurstverkauf ein. Bei den Disciples geht das Aufgabenfeld aber weit darüber hinaus. Welche Türen stehen Interessierten offen?

Grundsätzlich braucht ein Verein all das, was ein Unternehmen oder eine städtische Verwaltung auch braucht, und noch ein bisschen mehr. Wir suchen Menschen, die gut mit Menschen können, solche, die gut mit Zahlen können, welche, die die neuen Medien beherrschen, andere, die gut mit Technik und Werkzeug umgehen können, oder aber sich gern mit Lebensmitteln beschäftigen. Und idealerweise finden wir jeweils mehrere davon, um niemanden zu überlasten. Auch klassische Handwerksberufe wie zum Beispiel Schreiner, Elektriker, Klempner, Schlosser oder Gärtner sind herzlich willkommen. Man glaubt gar nicht, was in einem Sportverein so alles zu reparieren ist …

In Bereichen wie Marketing, Social Media, Eventmanagement, IT oder Vereinsverwaltung bietet ein Verein enorme Gestaltungsspielräume. Kann ein Engagement bei den Disciples also auch eine Art Experimentierfeld für das eigene Berufs- oder Privatleben sein?

Ja, definitiv – unter zwei Prämissen: Zum einen hat unser Verein eine Geschichte und Identität. Diese müssen bei aller Experimentierfreude gewahrt bleiben. Zum anderen ist es bei der Schnelllebigkeit der Neuen Medien nicht ganz einfach, die vielfältigen Plattformen kontinuierlich und gleichmäßig zu bespielen.

Viele Menschen zögern, weil sie befürchten, nicht genug Zeit zu haben. Wie flexibel kann man sich bei den Disciples einbringen, ohne gleich eine feste Funktion für Jahre übernehmen zu müssen?

Das hängt ganz von der Aufgabe ab. Für einen Vorstand oder Beirat wäre es natürlich unglücklich, nur kurz zu bleiben. Auch für Coaches oder zentrale Ansprechpartner in der Organisation ist das nachteilig. Diese Themen erfordern auch ein gewisses Maß an Zeit pro Woche.

Aber viele kleine Tätigkeiten brauchen nur hin und wieder mal ein paar Stunden. Das betrifft Reparaturen ebenso wie die Unterstützung bei Catering/Verpflegung an Heimspieltagen aller. Für den Einstieg sind diese kleinen Tätigkeiten super geeignet, auch wenn man wenig Zeit hat.

Ehrenamt kostet Kraft und Zeit, bringt aber kein Geld ein. Was gibt Ihnen die Arbeit als 1. Vorsitzende persönlich zurück, was man mit Geld nicht kaufen kann?

Durch die Arbeit im Verein habe ich neue Freunde und Weggefährten gefunden. Als Vorsitzende sammle ich täglich neue Erfahrungen und entwickle mich persönlich weiter, was mir auch im Berufsleben hilft. Und ein wenig schmeichelt die Anerkennung für mein Engagement natürlich auch. Rückblickend habe ich jedoch gemerkt, dass mein Hauptgrund für mein Engagement ist, dass es gegen Alleinsein und Einsamkeit hilft.

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit und im Großraum München oft auch in einer gewissen Anonymität. Da sind viele Menschen allein. Wollen Sie uns dazu mehr erzählen?

Ich stamme nicht aus der Region, kann mich also im Alltag nicht auf Eltern und Schulfreunde stützen. Als introvertiertem Menschen fällt mir zusätzlich das Knüpfen neuer Bekanntschaften schwer. Die Gesellschaft und das gemeinsame Arbeiten im Verein helfen mir, diese Lücke zu füllen und ab und zu über meinen Schatten zu springen. Und aus neuen Freunden wird so nach und nach ein Netzwerk fürs Leben.

Kann ein Sportverein wie die Haar Disciples für Zugezogene oder Menschen im Umbruch also auch ein echtes Ankommen und eine Heimat im Ballungsraum bedeuten?

Das Engagement in einem Verein bietet die Möglichkeit, sich einzubringen und über sich hinauszuwachsen. Wer Gemeinschaft sucht, wird sie im Verein finden. Für einen Sportler in einem Mannschaftssport ergibt sich diese Gemeinschaft bereits im Team. Aber auch für Menschen, die sich nicht direkt für Sport interessieren, bietet die Unterstützung eines Sportvereins eine Gemeinschaft im Hintergrund, die selten sichtbar, aber dennoch sehr erfüllend ist.

Die Saison ist zwar vorbei, aber die Planung für die nächste Spielzeit läuft bereits auf Hochtouren. In welchen Bereichen sucht der Verein aktuell besonders dringend nach helfenden Händen oder kreativen Köpfen?

Das Jahr unterteilt sich im Baseball in Season und Offseason. Während es im Herbst in der DBL ruhiger wird, finden in den anderen Ligen nach der Sommerpause noch Spiele statt. Und im Winter ist die Zeit der Hallenturniere. Gleichzeitig wollen die großen Projekte fürs kommende Jahr bereits geplant werden.

Damit sind wir auch bereits bei den ersten beiden wichtigen Bereichen, in denen wir kreative Köpfe suchen: Eventorganisation / Eventmanagement sowie Werbung im weitesten Sinn. Hier sind wir derzeit viel zu dünn aufgestellt. Außerdem braucht unser Social Media Team Unterstützung, um uns in den verschiedenen Medien inkl. Website up-to-date zu halten. Weiterhin kurzfristig wichtig sind ein Schriftführer und ein Buchhalter zur Unterstützung unserer Vorstandsarbeit. Mittelfristig im zeitigen Frühjahr mit Blick auf die DBL suchen wir Spieltagsverantwortliche, die jeweils ein Wochenende planen und begleiten (zu welchem Motto wird wann, was und wer wo gebraucht). Auch unser Team um Stream und Stadionsprecher benötigt zusätzliche Köpfe. Hier zeigt sich wieder, wie vielfältig die Arbeit im Verein ist, und dass es immer etwas zu tun gibt.

Muss man eigentlich Mitglied im Verein sein oder Baseball-Regeln beherrschen, um bei Ihnen mitanzupacken und Teil der Disciples-Familie zu werden?

Nein, beides ergibt sich mit der Zeit oft von selbst. Natürlich gibt es viele in der Disciples-Familie, die über den Sport zu uns gefunden haben. Das ist jedoch nicht Voraussetzung. Einzig wichtig ist die Freude daran, für andere da zu sein

Wenn Sie jemandem, der dieses Interview liest und vielleicht noch zögert, einen einzigen Satz mit auf den Weg geben dürften: Warum lohnt es sich, bei den Haar Disciples vorbeizuschauen?

Wer sich für erstklassigen Baseball und Softball interessiert oder wie die Disciples Wurzeln in Haar und der Region hat und unseren Weg ein Stück begleiten möchte, sollte unbedingt unverbindlich zu einem Training oder Spiel oder Stammtisch bei uns vorbeischauen!