Stille Hilferufe erkennen

von Eva Bistrick

Wer bedrängt, verfolgt oder von einer anderen Person unter Druck gesetzt wird, kann nicht immer offen um Hilfe bitten. Für solche Situationen gibt es diskrete Hilfssignale – allerdings für unterschiedliche Orte und Gefahrenlagen. Das internationale Handzeichen „Signal for Help“ kann wortlos gezeigt werden. Die Frage „Ist Luisa hier?“ wurde in Deutschland für die Gastrozene entwickelt und trifft nur in teilnehmenden Lokalen und Einrichtungen auf entsprechend geschultes Personal. Der „Angel Shot“ wiederum ist ein vor allem aus den USA und sozialen Medien bekannter Bar-Code, der hierzulande bislang kaum etabliert ist. Umso wichtiger ist Aufklärung: Wüssten Sie, was das folgende Handzeichen bedeutet?

So funktioniert das internationale Hilfszeichen (v. l. n. r.)

Damit solche stillen Hilferufe funktionieren, müssen sie bekannt sein – und richtig verstanden werden. Denn die drei verbreiteten Systeme unterscheiden sich deutlich.

„Signal for Help“: der stumme Hilferuf mit einer Hand

Das Handzeichen besteht aus einer kurzen Bewegung:

  1. Die offene Handfläche wird nach außen gezeigt.
  2. Der Daumen wird in die Handfläche gelegt.
  3. Die übrigen vier Finger schließen sich über dem Daumen.

Entscheidend ist die Bewegung. Eine geschlossene Faust allein ist noch kein Hilferuf.

Das Zeichen kann während eines Videoanrufs, auf dem Rücken auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder aus einem Fahrzeug beziehungsweise Fenster heraus gezeigt werden. Es ist nicht ausschließlich Frauen vorbehalten. Auch Kinder, Jugendliche oder Männer können es benutzen.

Entwickelt wurde das „Signal for Help“ im April 2020 von der Canadian Women’s Foundation. Während der Corona-Pandemie waren viele von häuslicher Gewalt betroffene Menschen mit der gewaltausübenden Person isoliert. Das einhändig ausführbare Zeichen sollte ihnen ermöglichen, während eines Videoanrufs um Unterstützung zu bitten, ohne sprechen oder eine digitale Nachricht hinterlassen zu müssen.

Ein Beispiel vom Münchner Flughafen

Wie das Handzeichen in der Praxis funktionieren kann, zeigte ein Vorfall am Münchner Flughafen. Eine Reisende, die gemeinsam mit einem Mann zu einem Flug nach Kopenhagen einsteigen wollte, zeigte das Signal am Gate in Terminal 2. Mitarbeitende der Lufthansa erkannten die Bewegung und verständigten die Bundespolizei. Die Einsatzkräfte trennten die Frau von ihrem Begleiter und klärten die Situation auf der Flughafenwache.

Hinweise auf eine von der Frau zunächst geschilderte Entführung bestätigten sich nach Angaben der Polizei nicht. Zuvor hatte es zwischen ihr und ihrem Begleiter allerdings eine körperliche Auseinandersetzung gegeben.

Der Fall zeigt: Das Handzeichen kann dazu führen, dass eine mögliche Notlage überprüft wird. Es ist aber kein Beweis dafür, dass tatsächlich eine bestimmte Straftat begangen wurde.

Was tun, wenn jemand das Handzeichen zeigt?

Wer das Signal beobachtet, sollte ruhig bleiben. Eine sichtbare Reaktion oder die direkte Konfrontation mit einer möglicherweise gewalttätigen Person kann die Lage verschärfen.

Wird das Zeichen in der Öffentlichkeit, aus einem Auto oder aus einem Fenster heraus gezeigt und ist keine sichere Rückfrage möglich, sollte man unauffällig die Polizei unter 110 verständigen. Wichtig sind möglichst genaue Angaben zum Ort, zu den beteiligten Personen, zur Bewegungsrichtung und gegebenenfalls zu Fahrzeug und Kennzeichen.

Zeigt eine bekannte Person das Signal während eines Videoanrufs, bedeutet es nicht zwangsläufig: „Ruf sofort die Polizei.“ Ursprünglich steht es vielmehr für die Bitte, auf sichere Weise Kontakt aufzunehmen. Mögliche Fragen sind:

  • „Kannst du gerade frei sprechen?“
  • „Bist du allein?“
  • „Soll ich Hilfe rufen?“
  • „Soll ich dich abholen?“

Besteht keine unmittelbare Gefahr, sollte die betroffene Person möglichst selbst entscheiden, welche Unterstützung sie möchte. Bei akuter Gefahr gilt dagegen: sofort 110 wählen.

„Ist Luisa hier?“: Hilfe an der Theke

Für unangenehme oder bedrohliche Situationen beim Feiern gibt es in Deutschland die Kampagne „Luisa ist hier!“. Sie wurde 2016 vom Frauen-Notruf Münster ins Leben gerufen und wird inzwischen in mehr als 500 teilnehmenden Einrichtungen angeboten.

Fühlt sich eine Frau oder ein Mädchen belästigt, bedrängt oder bedroht, kann sie sich in einer teilnehmenden Bar, einem Club oder bei einer Veranstaltung mit der Frage „Ist Luisa hier?“ an das Personal wenden. Sie muss weder ausführlich erklären, was passiert ist, noch zunächst beweisen, dass eine konkrete Gefahr besteht.

Geschulte Mitarbeitende bringen die Betroffene möglichst an einen sicheren Rückzugsort und klären dort, was sie benötigt. Das kann bedeuten:

  • Freundinnen oder Freunde zu verständigen,
  • ein Taxi zu rufen,
  • sie sicher zum Ausgang oder Fahrzeug zu begleiten,
  • persönliche Sachen vom Platz zu holen,
  • den Sicherheitsdienst einzuschalten oder
  • die Polizei zu rufen.

Welche Hilfe in Anspruch genommen wird, entscheidet grundsätzlich die betroffene Frau selbst.

„Luisa“ gibt es auch im Landkreis Ebersberg

Die Kampagne wird auch vom Frauennotruf Ebersberg umgesetzt. Die Beratungsstelle schult dafür das Personal von Gaststätten, Bars, Vereinen und Veranstaltern. Anschließend machen Plakate, Flyer sowie Aufkleber an Eingangstüren und Spiegeln auf das Hilfsangebot aufmerksam.

Zu den vom Frauennotruf bereits geschulten Betrieben und Veranstaltern gehören unter anderem das Hotel und Café Schwaiger in Glonn, der Burschenverein Ebersberg, die Feuerwehr Ebersberg sowie das Wirtshaus Landlust am Reitsberger Hof in Vaterstetten.

In der Schulung wird unter anderem festgelegt, wer im Team Ansprechpartner ist, welcher Raum als geschützter Rückzugsort genutzt werden kann und wie beispielsweise ein Taxi möglichst unauffällig vorfahren kann. Nach Möglichkeit soll während des Betriebs immer mindestens eine entsprechend geschulte Person anwesend sein.

Wichtig: „Ist Luisa hier?“ funktioniert zuverlässig nur dort, wo die Kampagne bekannt ist und das Personal geschult wurde. Teilnehmende Einrichtungen sind an Plakaten oder Aufklebern zu erkennen. „Luisa“ ist auch kein eigentliches Geheimwort. Die offen beworbene Frage soll vor allem die Hemmschwelle senken, sich Hilfe zu holen.

Reagiert das Personal nicht oder kennt die Frage nicht, sollte man sich möglichst direkt an eine andere Mitarbeiterin, einen Türsteher, den Sicherheitsdienst oder andere Gäste wenden und deutlich sagen: „Ich brauche Hilfe.“

Was ist ein „Angel Shot“?

Vor allem in sozialen Netzwerken wird außerdem der sogenannte „Angel Shot“ als Hilferuf in Bars verbreitet. Dabei handelt es sich nicht um ein echtes Getränk, sondern um eine Bestellung, mit der Gäste dem Personal signalisieren sollen, dass sie sich unsicher oder bedroht fühlen.

Bekannt wurde das Modell Anfang 2017 durch das Restaurant „Iberian Rooster“ im US-amerikanischen St. Petersburg in Florida. Beim dortigen ursprünglichen Konzept gab es mehrere Varianten:

  • Angel Shot „neat“: Eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter begleitet die Person zum Auto.
  • Angel Shot „on ice“: Das Personal organisiert ein Taxi oder einen Fahrdienst.
  • Angel Shot „with lime“: Die Polizei soll verständigt werden.

Diese Bedeutungen sind jedoch nicht international einheitlich. Andere Bars verwenden teilweise abweichende Varianten oder kennen den Ausdruck überhaupt nicht. In Deutschland gibt es für den „Angel Shot“ keine flächendeckende, organisierte Kampagne und keine verbindliche Schulung des Barpersonals.

Wer in einer deutschen Bar einen „Angel Shot“ bestellt, kann sich deshalb nicht darauf verlassen, verstanden zu werden. Sicherer ist es, auf Hinweise zu „Luisa ist hier!“, ein vorhandenes Awareness-Team oder andere ausdrücklich beworbene Hilfsangebote zu achten.

Häusliche Gewalt bleibt häufig verborgen

Im Jahr 2025 registrierte das Bayerische Landeskriminalamt 27.470 Fälle häuslicher Gewalt. Unter den 28.804 polizeilich erfassten Opferwerdungen waren 69 Prozent weiblich. Bei partnerschaftlicher Gewalt lag der Anteil der weiblichen Opfer bei 78,1 Prozent.

Die Statistik bildet allerdings nur jene Vorfälle ab, von denen die Polizei erfahren hat. Wie viele Fälle verborgen bleiben, lässt sich nicht zuverlässig beziffern.

Hier gibt es Hilfe

Rund um die Uhr:

  • Polizei: 110
  • Rettungsdienst und Feuerwehr: 112
  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: Tel. 116 016 – anonym, kostenlos und in 18 Sprachen
  • Krisendienst Bayern: Tel. 0800 655 3000 – bei psychischen Krisen, anonym, kostenlos und in über 120 Sprachen

Beratung im Landkreis Ebersberg:

  • Frauennotruf Ebersberg: Tel. 08092 / 88110, Montag bis Freitag von 8.30 bis 16.30 Uhr sowie nach Vereinbarung
  • Onlineberatung per Chat, Mail oder Videochat
  • Persönliche Beratung nach Terminvereinbarung, Bahnhofstraße 13a in Ebersberg
  • Frauenhaus Landkreis Ebersberg: Tel. 08092 / 2621966, info@fhf-ebe.de

Für einen unsicheren Heimweg:

  • Heimwegtelefon: Tel. 030 / 12074182, Sonntag bis Donnerstag von 21 bis 24 Uhr, Freitag und Samstag von 21 bis 3 Uhr; es gelten die üblichen Telefongebühren.