Seit 1. Mai, also auf den Tag genau 100 Tage, ist Maria Wirnitzer (SPD) Erste Bürgermeisterin der Gemeinde Vaterstetten und Nachfolgerin von Leonhard Spitzauer (CSU). Traditionell ein guter Zeitpunkt für eine erste Bilanz. Was hat sie überrascht, welche Vorhaben konnten sie bereits anstoßen und wo setzen Finanzen, Bürokratie und gesetzliche Vorgaben Grenzen? B304.de hat nachgefragt.
Was hat Sie am meisten überrascht – im positiven wie im negativen Sinne? Mich hat am meisten überrascht, wie offen und zugewandt die Menschen mir gegenüber sind. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass viele Prozesse leider deutlich länger dauern als erwartet.
Mit welchen Erwartungen sind Sie ins Amt gestartet – und welche davon haben sich erfüllt oder eben nicht? Ich bin mit dem Ziel gestartet, Dinge in unserer Gemeinde zu verbessern und Veränderungen anzustoßen. Diesen Anspruch möchte ich jeden Tag erfüllen. Allerdings zeigt sich in der Praxis, dass viele Vorhaben aufgrund mangelnder Finanzen oder aufgrund von Verwaltungsabläufen und gesetzlichen Vorgaben mehr Zeit benötigen, als ich anfangs erwartet hatte.
Was war in den vergangenen 100 Tagen Ihre bislang schwierigste Entscheidung? Es gab natürlich anspruchsvolle Entscheidungen. Dabei gilt es immer, unterschiedliche Interessen abzuwägen und dabei Verantwortung für die gesamte Gemeinde zu übernehmen.
Worauf sind Sie persönlich besonders stolz? Diese Frage beantworte ich gerne am Ende meiner Amtszeit.
Welche Ihrer Wahlversprechen konnten Sie bereits anstoßen oder sogar umsetzen? Wir arbeiten derzeit an verschiedenen Themen. Hier nur drei Beispiele: unser Wohnbauprojekt in Vaterstetten Nordwest geht weiter, die Vorbereitungen zur Aufwertung des Marktplatzes in Baldham mit zusätzlicher Bepflanzung sind getroffen, Tempo 30 kommt am Dorfplatz und Gruber Straße in Parsdorf.
Gab es eine Situation, in der Sie im Nachhinein anders entscheiden oder handeln würden? Manchmal würde man persönlich gerne anders entscheiden. Doch Sachzwänge und bürokratische Vorgaben setzen der Entscheidungsfreiheit oft enge Grenzen.
Welches Thema bereitet Ihnen derzeit die größten Sorgen? Die finanzielle Ausstattung unserer Gemeinde bereitet mir große Sorgen. Sie schränkt unseren Gestaltungsspielraum erheblich ein. Dieses Problem betrifft allerdings viele Kommunen, deren Leistungsfähigkeit zunehmend überfordert wird.
Wo sehen Sie aktuell den dringendsten Handlungsbedarf in Vaterstetten? Bei der Generierung zusätzlicher Gewerbesteuereinnahmen. Nur mit einer soliden finanziellen Grundlage können wir die wichtigen Projekte für unsere Gemeinde umsetzen.
Welche drei Projekte möchten Sie bis Ende des Jahres unbedingt voranbringen? Wir haben viele wichtige Aufgaben. Dazu gehören die Umsetzung der Tiefengeothermie mit Fernwärmeausbau sowie unser kommunales Wohnungsbauprojekt mit 152 Wohnungen für Menschen, die im Bereich der Daseinsvorsorge arbeiten. Dann möchte ich, dass Kinder und Jugendliche mehr Gehör bekommen.
Neben den großen Projekten gibt es viele kleinere, die den Alltag der Menschen direkt verbessern, bspw. den Ausbau weiterer öffentlicher Ladesäulen in Badham und Vaterstetten. Mich stören extrem die Vermüllung und der zunehmende Vandalismus in unserer Gemeinde. Deshalb werden wir verschiedene Aktionen unter dem Motto „Sauberes Vaterstetten“ starten. Dazu gehört bspw. ein Projekt gegen die Schmierereien an den Fußgängerunterführungen der S-Bahnstationen.
Hat sich Ihr Blick auf Verwaltung und Kommunalpolitik seit Ihrem Amtsantritt verändert? Ich war bereits sechs Jahre Zweite Bürgermeisterin. Deshalb war mir schon bewusst, wie komplex Verwaltung und Kommunalpolitik sind. Konkret wird das bei Dingen, die unsere Bürger direkt betreffen, aber an anderer Stelle entschieden werden, wie bspw. die Reparatur der bereits vor einem Jahr abgebrannten Lärmschutzwand in Vaterstetten oder die Einführung von Tempo 30 auf der Ortsdurchfahrtsstraße. Gar nicht zu sprechen von den die Kommunen belastenden Vorgaben auf Landes- oder Bundesebene.
Wie haben sich Ihr Alltag und Ihr Privatleben verändert? Mein Alltag hat sich komplett verändert. Viele Termine finden am Abend oder am Wochenende statt. Spontane Verabredungen sind selten geworden. Die Zeit mit meiner Familie ist knapper, aber sie ist mir sehr wichtig und deshalb bewusst eingeplant.
Wie gehen Sie damit um, dass Du inzwischen praktisch überall in der Gemeinde angesprochen werden? Das gehört zum Amt dazu. Ich freue mich über den direkten Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern.
Was war in den vergangenen 100 Tagen Ihr emotionalster Moment? Meine Vereidigung zur Ersten Bürgermeisterin.
Gab es auch einen Moment, in dem Sie kurz gezweifelt haben? Gezweifelt habe ich nicht. Bedauert habe ich lediglich, dass ich meinen bisherigen Beruf aufgeben musste.
Welche Eigenschaft hilft Ihnen im Bürgermeisteramt am meisten – und woran möchten Sie selbst noch arbeiten?
Ich habe ein offenes Ohr für die Bürgerinnen und Bürger. Das hilft mir sehr. Aber auch ein 12-Stunden-Tag reicht nicht, um alle Gesprächs- und Terminwünsche zu erfüllen. Ohne eine Priorisierung wird es nicht gehen.
Welche Begegnung oder Rückmeldung aus der Bürgerschaft ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Ein fünfjähriges Mädchen hat mir nach meinem Wahlsieg ein Bild gemalt. Darüber habe ich mich sehr gefreut und sie gemeinsam mit ihrer Mutter ins Rathaus eingeladen.
Welchen Satz hören Sie seit Ihrem Amtsantritt am häufigsten – und was geht Ihnen dabei jedes Mal durch den Kopf? Nachdem die Wahl noch nicht lange zurück liegt, höre ich immer wieder: „Wir freuen uns, dass Sie unsere Bürgermeisterin sind.“ Dann denke ich jedes Mal, dass ich die in mich gesetzten Erwartungen erfüllen möchte.
Was hat Ihnen in den vergangenen 100 Tagen am meisten Freude bereitet? Es gab viele schöne Momente. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir der Besuch in unserer Partnerstadt Trogir und der Volksfesteinzug gemeinsam mit unseren Vereinen. Vor allem aber bereiten mir die Begegnungen mit den Bürgerinnen und Bürgern große Freude, sei es bei Veranstaltungen oder in meiner Bürgersprechstunde.
Welche Akte oder welches Thema liegt seit Ihrem Amtsantritt gefühlt fast täglich auf Ihrem Schreibtisch? Neben den vielen Unterschriftenmappen sind das natürlich Akten zu den laufenden Großprojekten.
Was möchten Sie den Bürgerinnen und Bürgern nach Ihren ersten 100 Tagen im Amt gerne mit auf den Weg geben? Ich möchte mich herzlich für das Vertrauen bedanken. Mir ist wichtig, weiterhin im direkten Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern zu bleiben. Gemeinsam können wir unsere Gemeinde Schritt für Schritt weiterentwickeln. Deshalb bitte ich Sie um Ihre Unterstützung.
Vielen Dank.