Kathrin Ostner aus Neukeferloh ist eine lebensfrohe Frau, die anpackt – beruflich wie privat. Die 45-jährige arbeitet in leitender Funktion als Erzieherin bei der Stadt München, liebt ihren Beruf, lebt ein aktives Leben. Von anderen abhängig oder auf Hilfe angewiesen zu sein, war ihr fremd. Bis zum Sommer 2025, der ihr komplettes Leben verändern sollte.
Ein Kurzurlaub über Pfingsten, im Mai in der Flachau, ein paar Tage Auszeit, Baden im See, Zeit mit der Familie verbringen. Hier begann für die Mutter zweier Söhne eine Odyssee, die sie an den Rand des körperlich und seelisch Ertragbaren brachte – und die fassungslos macht. Zwei Monate verschleppte sie eine nicht diagnostizierte Borreliose-Erkrankung – und hätte es fast mit dem Leben bezahlt.
Wenn der Körper warnt – und niemand richtig hinhört
Mitte Juni bemerkt Kathrin Ostner erstmalig Kopfschmerzen, die nicht mehr weggehen wollen. Sie misst ihnen zunächst keine große Bedeutung bei. Die Hausärztin verschreibt irgendwann, als keine Besserung eintritt, Schmerzmittel. Doch das ändert nichts, im Gegenteil: Kurz darauf kommen Hautschmerzen hinzu, eine extreme Berührungsempfindlichkeit, die sich langsam über den Körper ausbreitet. Selbst Kleidung wird zur Qual. Gottseidank ist Sommer, da sind die Stoffe dünner.
Ostner geht weiter zur Arbeit. Und mal wieder zu ihrer Hausärztin. Die ist ratlos: Man müsste das „gegebenenfalls mal neurologisch abklären“.
Mitte Juli verschlechtert sich ihr Sehvermögen. Erst schleichend, dann bedrohlich. Ostner denkt, jetzt ist es wohl so weit, mit Mitte 40 wird es eben Zeit für eine Brille. Am Freitagabend, dem 11. Juli, kippt die Situation. In der Ferne sieht sie doppelt, in der Nähe auf einmal gar nichts mehr. Sie fährt mit ihrem Mann in die nächste Klinik. Was sie da noch nicht ahnt: Es ist die letzte Autofahrt, die sie für die nächsten vier Monate machen wird.
Im nächstgelegenen Krankenhaus wird sie untersucht. Ohne Befund. Es gibt vor Ort weder eine Fachabteilung für Augenkrankheiten noch eine Neurologie. Ein MRT könnte Klarheit bringen, doch es wird nicht als Notfall gesehen, sie solle in den nächsten Wochen zum Facharzt gehen. Ihre Blutwerte sind „top“. Kathrin Ostner verlässt die Klinik – ohne Diagnose, ohne Hilfe.
„Gehen Sie zum Psychiater.“
Am nächsten Tag, den 12. Juli, geht sie noch auf einen Geburtstag. Sie fühlt sich benommen, fremd im eigenen Körper, „wie unter Drogen“. Am 13. Juli fährt sie wieder ins Krankenhaus, diesmal in ein anderes, in der Münchner Innenstadt. Nachts um zwei Uhr entscheidet man, sie dazubehalten. Ein MRT folgt, am zweiten Tag. Ohne Befund.
Für den Neurologen liegt auf der Hand: das kann nur eine Depression sein. Der Rat, den er ihr mitgibt, trifft sie wie ein Schlag: Sie solle einen Psychiater aufsuchen. „Ich dachte, ich höre nicht recht“, sagt Kathrin Ostner später. Zwei Tage später entlässt sie sich selbst.
Ostner entschließt sich, zumindest eine Brille zu holen. Beim Optiker fällt zum ersten Mal das Wort Borreliose. Ob das schon einmal untersucht worden sei? Ostner zuckt mit den Schultern. Einen Zeckenbiss hat sie nie bemerkt, keine Rötung gesehen. „Ich hätte doch gespürt, wenn ich am Körper irgendwo ein Tier gehabt hätte.“
Doch ihre Odyssee sollte noch lange kein Ende finden. Stattdessen wird alles schlimmer. Übelkeit, Erbrechen, völliger Appetitverlust kommen zu ihren Körperschmerzen hinzu. Innerhalb kürzester Zeit verliert die eh schon schlanke Frau mehrere Kilo. Ab Mitte Juli kann sie das Bett kaum noch verlassen. Die Hausärztin überweist sie wiederum in ein Krankenhaus, damit sie eine Nervenwasserpunktion durchführen lässt.
Sechs Stunden verbringt Kathrin Ostner in der Notaufnahme. Die Diagnose lautet diesmal: Magen-Darm-Virus. Punktion sei nicht nötig. Nach zwei Stunden wird sie nach Hause geschickt. Sie kann nicht fassen, was ihr da passiert.
Anrufe bei der 116117 bringen Schmerzmittel und Vomex, aber keine Linderung. Duschen kann sie mittlerweile nicht mehr alleine. Ihr Mann muss sie stützen, führen, halten. Sie liegt nur im abgedunkelten Zimmer, mit geschlossenen Augen, nackt, weil ihre Haut die Berührung von Kleidung nicht erträgt.
Dann eines Tages: Gesichtslähmung. Mit Verdacht auf Schlaganfall wird Kathrin Ostner erneut in eine Klinik gebracht. Dort bleibt sie fünf Nächte, in Quarantäne. Behandelt wird sie erneut gegen einen vermeintlichen Magen-Darm-Virus. Eine Punktion wird erneut abgelehnt. Sie wird mit Cortisontabletten entlassen. Der diensthabende Neurologe diagnostiziert ihr ein Burnout. Zu diesem Zeitpunkt beginnt Kathrin Ostner, an sich selbst zu zweifeln. Aus der resoluten, belastbaren Frau ist in nur zwei Monaten ein Häufchen Elend geworden.
Im August droht das nächste Schreckenszenario: Sommerferien. Ostner fürchtet berechtigterweise die nächsten Wochen, wenn viele Arztpraxen dünn besetzt sind, oder sie Vertretungsärzten alles wieder von Beginn erklären muss. Auch die vertraute Hausärztin kündigt ihren Urlaub an. Eine Neurologiepraxis in Neubiberg schiebt sie noch für einen Termin dazwischen – ohne Ergebnis. Erst ein Heilpraktiker, den Ostner aufsucht, spricht aus, was zuvor niemand ernsthaft verfolgt hat: den Verdacht auf Borreliose.
Ostner kann inzwischen nicht mehr ohne Hilfe gehen. Sie leidet unter Gleichgewichtsstörungen, wiegt bei 1,75 Metern Körpergröße nur noch 57 Kilogramm. Sie trägt eine Augenbinde, weil sie Licht nicht mehr erträgt – sie, die immer Sonne geliebt hat und in ihrem ganzen Leben kein Vitamin D nehmen musste.
„Wenn nichts rauskommt, bring mich nach Haar“
Am 20. August fasst sie einen Entschluss. Sie will auf eigene Kosten eine Nervenwasserpunktion durchführen lassen. Sollte nichts dabei herauskommen, sagt sie zu ihrem Mann, solle er sie „ins Bezirkskrankenhaus nach Haar bringen“. Es ist ihr bitterer Ernst. Ihr Mann weigert sich. Doch schließlich willigt er schweren Herzens ein. Auch er kann sich das alles nicht erklären.
Die Punktion kostet gerade mal 250 Euro. Das Labor weitere 750. Am 25. August – Kathrin Ostner nennt das Datum heute ihren zweiten Geburtstag – klingelt das Telefon bereits eine halbe Stunde nach der Untersuchung, statt, wie angekündigt, zwei Tage später. Das Labor ist dran. „Ihr ganzer Körper ist verseucht. Gehen Sie sofort in die Notaufnahme.“ Der Normalwert des Borrelien Titers liegt bei zehn. Ihr Wert bei 350.
Im Klinikum in München, das sie bereits zum Psychater schicken wollte, gibt es kein freies Bett. Vielleicht ein Glücksfall? Ein ehemaliger Kollege ihrer Neurologin in Bogenhausen wird zum Lebensretter. Dort nimmt man sie auf und beginnt umgehend die Behandlung: hochdosierte Antibiotika, mehrmals täglich. An den Tropf. Die Diagnose lautet Neuroborreliose – Borrelien, die das Nervensystem angreifen, anstatt nur die Organe.
Nach zwölf Tagen setzt langsam Besserung ein. Kathrin Ostner ist dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen. Doch das registriert sie damals noch nicht. Erst im Nachhinein sagen die Ärzte zu ihr: Wäre die Krankheit nicht erkannt worden, wäre sie kurze Zeit später ins Koma gefallen.
Das Leben nach dem Trauma
Heute ist Kathrin Ostner nicht mehr dieselbe. Sie ermüdet schneller, ist kognitiv weniger belastbar. In ihren schlimmsten Phasen mussten alle Familienmitglieder mithelfen, ihr 18-jähriger Sohn musste sie fahren, der 14-jährige zur Toilette begleiten. Die Umkehr der Rollen hat die Familie tief geprägt.
Von „Ende gut, alles gut“ ist Ostner noch weit entfernt. Ihre Augenschäden sind – zumindest in der Nähe – irreparabel, sie hat zwei Dioptrien und die Sensibilitätsstörungen in den Händen sind ebenfalls geblieben. Welche weiteren Spätfolgen noch folgen, ist unklar. Direkt aus der Klinik ging sie für einen Monat in die Reha. Treppensteigen, Konzentration, Ergotherapie – sie musste alles wieder neu lernen, ähnlich bei einem Schlaganfallpatienten. Wieder regulär in die Arbeit zu gehen – damals undenkbar.
Doch Ostner hat gekämpft wie eine Löwin. Schritt für Schritt trainierte sie sich zurück in ein eigenständiges Leben. „Meine Physiotherapeutin hat sich sogar zu mir ins Bett gelegt, um mit mir Übungen zu machen“, erzählt sie. Nach und nach konnte sie wieder am Alltag teilnehmen. Bei unserem Gespräch Mitte Januar, hat sie ihre erste Arbeitswoche hinter sich. „Jetzt muss ich noch schauen, wie viel ich aushalte“, sagt sie, erschöpft, aber erleichtert. „Alle Kollegen stehen hinter mir.“
Es ist blanker Hohn, dass sie Krankenkasse die Kosten für die lebensrettende Punktion und das Labor, insgesamt rund 1.000 Euro, ein Bruchstück aller Kosten, die Ostner in den letzten Monaten durch Fehldiagnosen entstanden sind, nicht übernehmen will. Auch ihr Widerspruch wurde bereits abgelehnt. Nun zieht Kathrin Ostner damit vor das Sozialgericht, entschlossen, nicht aufzugeben. Es geht ihr ums Prinzip.
Ein dringender Appell
Kathrin Ostner will vergeben, aber nicht vergessen. Ihre Geschichte ist eine Mahnung, wie sie eindringlicher nicht sein könnte. Bayern gilt als Zecken-Risikogebiet: Das zuständige Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat 2025 einen Anstieg der Borreliose-Fälle registriert: Bis Anfang Oktober wurden gut 4.800 Fälle der Infektionskrankheit registriert, 1.300 mehr Fälle als 2024. Zecken lauern nicht nur im Wald, sondern auch im eigenen Garten, auf Spielplätzen oder im Gras. Ostner vermutet, dass die Zecke auf ihrer Kopfhaut saß – unbemerkt in ihrem dichten Haar. Neben einer FSME-Impfung soll es in ein bis zwei Jahren auch eine Borreliose-Impfung geben. Kathrin Ostner wird diese sicherlich nutzen – denn immun, das ist man nie.
Endlich wieder frei
Und dann ist da noch etwas, das Kathrin Ostner selbst überrascht hat. Seit ihrem frühen Erwachsenenalter litt sie unter schwerer Flugangst. Mit Anfang 20 wurde sie so stark, dass Fliegen unmöglich war – nicht einmal Filme mit Flugzeugen oder ein Besuch am Flughafen waren für sie auszuhalten. Urlaube gab es deshalb nur mit dem Auto oder dem Schiff. Eine Therapie hatte sie immer wieder erwogen, aber jahrelang aufgeschoben.
Während der Reha rieten ihr die Therapeuten zu einer Genesungsreise mit der Familie, am besten in die Sonne, ans Meer. Wie sollte das nur gehen? Doch als Ostner im Oktober von ihrer Hausärztin erfuhr, wie knapp sie dem Tod entkommen war, legte sich bei ihr ein Schalter um. Einen Tag später betrat sie ein Reisebüro und buchte eine Flugreise über Silvester. Am 27. Dezember stieg sie – nach 22 Jahren – ohne Medikamente, ohne Panik, ohne Zweifel in ein Flugzeug nach Antalya.
Manchmal beginnt Heilung an unerwarteten Stellen.
