Quelle: privat

Protest gegen „Stimmverlust“

von Markus Bistrick

Namhafte deutsche Synchronstimmen von Hollywoodstars haben am gestrigen Samstag bei einem Treffen in München vor der Bedrohung ihrer Branche durch Künstliche Intelligenz gewarnt – darunter Dorothea Anzinger aus Vaterstetten sowie die beiden Baldhamerinnen Anke Kortemeier und Melanie Manstein. Der Protest der Synchronsprecher richtet sich vor allem gegen Vertragsklauseln bei Streamingproduktionen. 

In der Wissenschaft vermelden Forscher beinahe im Wochentakt Durchbrüche, die ohne Künstliche Intelligenz (KI) undenkbar gewesen wären. Jung und Alt nutzen mittlerweile regelmäßig Tools wie ChatGPT. Ob bei bedeutungslosen Spielereien, wie Computerspielen oder lustigen Apps für das Smartphone, bei Textgestaltung und Fotobearbeitung: Künstliche Intelligenz eröffnet neue Wege und birgt gleichzeitig enorme Risiken. Letztlich wird es – wie so oft – darauf ankommen, was wir daraus machen und was wir zulassen. In einer losen Serie wollen wir Ihnen an dieser Stelle immer wieder Menschen aus unserer Gemeinde vorstellen, deren Leben sich durch die Künstliche Intelligenz gerade grundlegend verändert. Mal positiv, mal negativ. Wir beginnen mit den erfolgreichen Synchronsprecherinnen Dorothea Anzinger, Anke Kortemeier und Melanie Manstein.

Dorothea Anzinger, Anke Kortemeier und Melanie Manstein bei der Protestkundgebung der Synchronsprecher am Samstag, 14. März 2026, in München.

Synchronsprecher sind wahre Meister ihres Fachs. Sie müssen nicht nur über eine klare und ausdrucksstarke Stimme verfügen, sondern auch schauspielerisches Talent mitbringen. Ihre Aufgabe besteht darin, die Emotionen und Nuancen der Originaldarsteller einzufangen und authentisch zu übertragen. Die deutsche Synchronarbeit hat eine lange und angesehene Tradition. Sie ist nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern auch künstlerisch wertvoll. Synchronsprecher sind die unsichtbaren Helden, die Filme und Serien zu einem ganz neuen Erlebnis machen. Gerade deutsches Kinopublikum hört Filme gern in aufwändig synchronisierter Fassung. Doch auch hier ist KI auf dem Vormarsch.

Ein bekanntes Beispiel: Pumuckl. Die Technik, die die legendäre Klangfarbe des verstorbenen Hans Clarin auferstehen lässt, kommt bereits seit 2023 zum Einsatz. Während Kabarettist Maximilian Schafroth spielt, passt ein Algorithmus Tonfall, Atem und Betonung an das Original an. Für viele Fans ein Glücksfall, ihr Pumuckl klingt wieder fast wie „echt“. Doch was für Fans nach Magie und Nostalgie klingt, sorgt bei Synchronsprechern für Gänsehaut und grundsätzliche Fragen. Die berechtigte Sorge: Wenn KI-Stimmen einmal etabliert sind, ist die traditionelle Synchronarbeit am Ende.

Es geht um unser Verhältnis zur Kunst generell

Für die Spre­che­rin­nen und Sprecher reicht der Konflikt auch über die Synchronbranche hinaus. Die Kunst insgesamt sei in Gefahr, nicht nur das Synchronsprechen. Mit einem Aufruf unter dem Motto: „Schützen wir die künstlerische und nicht die künstliche Intelligenz“, will der Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS) ein Bewusstsein für die Risiken von KI schaffen. Die Politik müsse handeln, so die Forderung.

Dorothea Anzinger, Vaterstetten: „Menschliche Stimmen sind durch nichts zu ersetzen“
„Sie berühren uns auf eine Art, die keine KI bewirken kann. Es schwingt Leben mit und erreicht die Herzen mehr als jede technische Errungenschaft. Die Kunst des Synchronsprechens ist so wichtig. Viele Menschen lieben sie, weil sie ihnen ermöglicht, einen ausländischen Film in unserer Sprache zu genießen. Viele Serien wurden erst Kult, weil die Synchro so genial war (z. B. „Die Zwei“). Und das soll jetzt vorbei sein? Mit künstlichen Stimmen, die aus unseren Stimmen gebaut werden? Mit einer Technik, die von unserer Kunst lernt, sie dann nutzt, um jede Stimme in jede Sprache der Welt zu morphen?
Wenn Kreativität von Maschinen übernommen wird, nehmen wir uns Menschen den wichtigsten Ausdruck unserer individuellen Persönlichkeit. Die menschliche Stimme schwingt, berührt, erzeugt Emotionen. KI ist immer noch künstlich, selbst wenn sie „perfekt“ wird. In welcher Welt wollen wir leben? Einer in der echte Menschen sprechen oder Maschinen?“

Dorothea Anzinger aus Vaterstetten ist ausgebildete Schauspielerin und seit über 30 Jahren Synchron-, Hörbuch- und Hörspielsprecherin (u.a. die Stimme von Sigourney Weaver in „Call my agent“, Katey Sagal in „Dead to me“, Sarah Pierse in „Der Hobbit – Die Schlacht der 5 Heere“ oder Kate Burton in „Inventing Anna“. (Foto: privat)

Anke Kortemeier, Baldham: „Quantität ist nicht gleich Qualität“
„Ich liebe meinen Beruf und mache mir zunehmend Sorgen um unsere Branche. Die führenden Synchronfirmen wurden von großen internationalen Konzernen aufgekauft und wir bemühen uns alle, die hohe Qualität der deutschen Synchronisation aufrecht zu erhalten. In allen Bereichen wird versucht, Geld zu sparen. So auch in unserem. Aber Quantität ist nicht gleich Qualität und die ZuschauerInnen bemerken sofort, ob Liebe, Sorgfalt und Professionalität in eine Produktion eingeflossen sind.
Warum sollte KI in der Kunst eingesetzt werden? Was macht das mit uns Menschen, wenn wir künstliche Emotionen, Musik, Malerei, Menschen… vorgesetzt bekommen? Ich sehe das sehr kritisch und möchte, dass Kunst weiterhin von Menschen kreiert wird.“

Bereits als Kind synchronisierte Anke Kortemeier tschechische Kinderserien und lieh u.a. Sally von den „Peanuts“ ihre Stimme. Viele Jahre stand sie auch vor der Kamera und moderierte fürs Kinderfernsehen oder spielte im „Tatort“, beim „Bullen von Tölz“, der „Küstenwache” usw.. Anke Kortemeier war bereits die deutsche Stimme von Keira Knightley, Rebecca Hall, Lindsay Lohan, Zoë Kravitz, Isla Fisher, Maggie Gyllenhaal, Golshifteh Farahani, Selma Blair, Mary Elizabeth Winstead, Oona Chaplin, Gemma Chan u.v.m.


Melanie Manstein, Baldham: „Kunst muss geschützt werden“
„Wir haben in Deutschland eine Synchron-Szene, die unglaublich professionell arbeitet. Wir sprechen einen Kinofilm in drei/vier Tagen im Studio ein und daran sind unfassbar gute Dialogregisseure, Cutter, Tonmeister, Aufnahmeleiter und erst zuletzt gute Sprecher beteiligt. Wir brennen für diesen Beruf. Alles, was du selbst erlebt hast, macht dein Spiel und somit deine Stimme authentischer. Und diese Erfahrung möchten Firmen nun nutzen um KI zu trainieren und höchstwahrscheinlich unseren Beruf überflüssig zu machen.
Kunst ist Kultur, ist Identität. Wollen wir diese Kunst zukünftig künstlich vorgesetzt bekommen? Mir macht das große Sorgen. So sehr ich den Fortschritt in anderen Bereichen schätze. Und so lustig ich es finde, wenn man Elvis, John Lennon oder Pumuckl wieder auferstehen lassen kann. Ich finde Kunst muss geschützt werden! Kunst muss menschlich bleiben! Und dafür setzen wir uns gerade ein.“

Die Leidenschaft, vor einem Mikrofon alle Gefühle spielen zu dürfen, begleitet Melanie Manstein seit 47 Jahren. Sie durfte als Prinzessin Fantaghiro Seite an Seite mit Mario Adorf lachen, als Brad Pitts Ehefrau in World War Z gegen Zombies kämpfen, als Übersetzerin Hoshi auf der Enterprise auf Klingonisch verhandeln, als Bora Bora auf der Traumschiff Surprise mit Christian Tramitz flirten, Avatar Star Sam Worthington in „Ein riskanter Plan“ davon abhalten, aus dem 40. Stock in New York zu springen. Einigen 10.000 Produktionen, Filmen, Serien, Hörbücher, Dokumentationen, Werbungen und Trailern hat Melanie Manstein bereits ihre Stimme geliehen.

Die beiden erfolgreichen Synchronsprecherinnen aus Baldham: Melanie Manstein und Anke Kortemeier. (Fotos: privat)



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