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„Idealismus und Eitelkeit“

von Markus Bistrick

Monatelang hat der Baldhamer Martin Hagen als Spitzenkandidat der FDP in Bayern für ein „liberales Comeback“ auf Bundesebene gekämpft. Bekanntlich vergebens. Wir haben uns mit dem 43-jährigen Familienvater zu einem Gespräch über Enttäuschungen, Freundschaften, Süchte und Heimat getroffen – fernab der Tagespolitik.

Herr Hagen, Sie sind noch bis Ende Juni Chef der Bayern-FDP, dann treten Sie beim vorgezogenen Parteitag nicht mehr an. Ist das das Ende der politischen Karriere von Martin Hagen?

Martin Hagen: Das klingt mir zu dramatisch. Es ist einfach so: Nach sieben Jahren in der ersten Reihe der bayerischen FDP – als Spitzenkandidat, Fraktionschef und Landesvorsitzender – überlasse ich die Führungsrolle jetzt mal anderen. Aber ich bleibe natürlich politisch aktiv, werde mich weiter einmischen und kann mir durchaus vorstellen, irgendwann auch auf anderer Ebene wieder .Verantwortung zu übernehmen. Außerdem bin und bleibe ich ja im Vaterstettener Gemeinderat und werde jetzt mehr Zeit haben, um mich diesem kommunalen Ehrenamt noch intensiver zu widmen.

In einem Jahr, am 8. März 2026, wird neben dem Gemeinderat auch der Bürgermeister neu gewählt. Wäre das eine Option für Sie?

Ich finde, der Leo macht das ganz gut. Wobei es neben dem ersten Bürgermeister ja noch zwei weitere gibt – einen davon hat die FDP schon mal gestellt, mit dem leider viel zu früh verstorbenen Wolfgang Will. Mir macht die kommunalpolitische Arbeit im Gemeinderat jedenfalls Spaß und ich möchte das gerne weiter machen. Wie sich die Vaterstettener FDP mit Blick auf die Kommunalwahl personell aufstellt, klären wir demnächst parteiintern.

Zwischen dem Wiedereinzug in den Bundestag und dem Rauswurf lagen letztlich 0,7 Prozent. Wie bitter war die Niederlage für Sie ganz persönlich?

Bitter ist die Niederlage für meine Partei und nicht zuletzt auch für unser Land, denn ich bin überzeugt: Eine liberale Stimme im Parlament tut Deutschland gut und man merkt jetzt schon schmerzlich, dass sie fehlt. Was mich persönlich angeht: Klar wäre ich gerne als Abgeordneter in den Bundestag eingezogen. Es hat nicht sollen sein. Jetzt ändert sich für mich nichts, ich bleibe Geschäftsführer der Denkfabrik R21 – eine Arbeit, die mir viel Freude macht. Insofern habe ich es besser als die amtierenden Bundestagsabgeordneten, die jetzt aus dem Parlament ausscheiden und sich beruflich neu orientieren müssen. Unabhängig davon war am Wahlabend bei uns allen die Enttäuschung groß. Erste Prognosen haben uns um 18 Uhr bei 4,9 bis 5 Prozent gesehen, da hatten wir noch Hoffnung. Im Lauf des Abends sind wir dann auf 4,3 Prozent gefallen. Das tut schon weh.

Ein Wahlkampf ist hart, wie motiviert man sich täglich aufs Neue – insbesondere, wenn man wie 2023 bei der Landtagswahl in Bayern eigentlich chancenlos ist?

Ein Wahlkampf, noch dazu als Spitzenkandidat, ist unglaublich anstrengend. Nicht nur zeitintensiv, sondern kräftezehrend, es geht irgendwann richtig an die physische Substanz. Im Oktober 2023, als der Landtagswahlkampf vorbei war, bin ich ziemlich auf dem Zahnfleisch gegangen, hatte vier Kilo abgenommen. Aber zur Frage nach der Motivation: Als oberster Wahlkämpfer darf man sich nie als chancenlos sehen, egal wie schlecht die Lage objektiv betrachtet ist. Da muss man immer ein Stück weit in seinem Tunnel sein, einen gesunden Zweckoptimismus haben und an das Wunder glauben. Es geht ja auch darum, die Mannschaft, die vielen ehrenamtlichen Wahlkampfhelfer und Kandidaten zu motivieren und mitzureißen. Das geht nicht, wenn man selbst innerlich aufgegeben hat. Aber bei der Bundestagswahl war das ja ohnehin anders, weil uns zuletzt zwei Meinungsforschungsinstitute bei fünf Prozent gesehen haben, wir hatten also eine realistische Chance.

Am Ende hat es nicht sollen sein. Zweifelt man da an sich, an der Partei oder am Wähler?

Am Wähler zweifelt man grundsätzlich nicht. Der Wähler hat immer auf seine Weise recht, auch wenn man seine Entscheidungen nicht gut findet oder nicht nachvollziehen kann. Mir selbst stelle ich immer die Frage: „Was hättest du anders machen können?“ In diesem Wahlkampf war es jetzt allerdings tatsächlich so, dass die Gründe für das Scheitern außerhalb des eigenen Einflussbereiches lagen.

Sie meinen unter anderem die Abstimmung über das Migrationsgesetz kurz vor der Wahl, bei rund ein Viertel der FDP-Abgeordneten dem Gesetzentwurf der Union nicht zugestimmt haben.

Natürlich vermittelt so eine Abstimmung das Bild der mangelnden Geschlossenheit. Die Bürger wollen wissen, wofür Parteien stehen. Ich habe mich darüber geärgert, aber wahlentscheidend waren andere Dinge.

Die FDP kämpft in regelmäßigen Abständen ums Überleben, um den Einzug in die Parlamente.  

Kämpfen gehört dazu. Das ist ja auch das Schöne an der Demokratie, dass Macht und Mandate von den Bürgern immer nur auf Zeit vergeben werden. Liberalismus ist in Deutschland leider kein Mehrheitsprogramm, war es nie und wird es vielleicht nie sein. Der freiheitliche Gedanke hat es in unserem Land traditionell schwer. Trotzdem ist es wichtig, dass er im Parlament vertreten ist, als Gegengewicht zu den Parteien, für die der Staat immer alles regeln und den Bürgern alles abnehmen soll. Für mich als Liberalen steht immer erstmal das Individuum und die Privatwirtschaft an erster Stelle. Der Staat dient dem Bürger, nicht umgekehrt. Er soll schlank und agil sein und sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren. Da gehört zum Beispiel innere und äußere Sicherheit dazu oder eine gute Bildung. Aber ein Staat, der immer weiter wächst, sich in immer mehr Bereiche des Lebens einmischt und sich dabei heillos verzettelt, den möchte ich nicht

Sie sind Vater zweier Töchter, 6 und 8 Jahre alt, verheiratet und zwei Mal an Krebs erkrankt. Warum tun Sie sich den unglaublich fordernden, zeitintensive und stressigen Beruf als Politiker an?

Ich glaube, es ist bei Politikern immer eine Mischung aus Idealismus und Eitelkeit. Wer in die Politik geht, tut das in der Regel, weil er etwas bewegen möchte, weil er eine Vision hat für unser Gemeinwesen. Es gibt einem auch sehr viel, wenn man Dinge zum Besseren verändern kann. Aber natürlich ist es auch ein Stück weit so, dass man sich selber gerne in bestimmten Machtpositionen sieht und sich darin gefällt. Bei manchen verdrängt die Eitelkeit irgendwann den Idealismus, dann wird es problematisch.

Wäre ich in den Bundestag gekommen, hätte das das Familienleben natürlich schon erheblich beeinträchtigt. Jetzt freue ich mich darauf, mehr Zeit mit meinen Kindern zu haben, weil ich nicht jede Sitzungswoche nach Berlin muss. Es hat alles auch seine guten Seiten.

Klingt ein bisschen so als ob Politik süchtig macht?

Politik hat ein Suchtpotenzial, ja.

Ist es politische Verantwortung bei all den persönlichen Anfeindungen, insbesondere bei Social Media, wert?

Ich kann gut damit umgehen, dass ich als Politiker, der in der Öffentlichkeit steht, Ziel von Kritik bin. Leider auch von Beschimpfungen, häufig im Internet. Zum Glück sind meine Kinder noch nicht in dem Alter, wo sie Kommentare in sozialen Netzwerken verfolgen und alles lesen, was irgendwelche Trolle so über den Papa schreiben. Als Politiker braucht man einfach ein dickes Fell, das ist so. Aber das Schöne ist, dass im persönlichen Aufeinandertreffen die meisten Leute sehr positiv auf einen zugehen, wenn sie einen erkennen. Mich hat nie jemand von Angesicht zu Angesicht beschimpft. Die analogen Begegnungen sind immer sehr freundlich.

Sind Sie eigentlich mit Christian Lindner befreundet?

Christian Lindner und ich haben ein gutes professionelles Verhältnis, wir sind aber nicht privat befreundet.

Sie waren also nicht bei dessen Hochzeit auf Sylt?

Nein.

Gibt es in der Politik überhaupt Freundschaften?

Ja, es gibt Menschen, die ich in der Politik auch als Freunde betrachte. Mein Generalsekretär Christoph Skutella, mit dem ich auch fünf Jahre gemeinsam im Landtag arbeiten durfte, gehört zum Beispiel dazu. Aber auch andere, zum Teil langjährige Freundschaften aus jungliberalen Zeiten.

Sie wohnen in Baldham. War das eine bewusste Entscheidung?

Ich bin im Landkreis Rosenheim aufgewachsen und habe dann lange in München gewohnt. Vor zehn Jahren sind meine Frau und ich nach Baldham gezogen. Wir wollten raus aus der Stadt, um ein Nest für die Familie zu bauen, ein Haus mit Garten. Mir war wichtig, dass es im S-Bahn-Bereich liegt, dass man dort schön leben kann und ein gutes gastronomisches Angebot hat, weil ich sehr gerne essen gehe. All das trifft auf Baldham zu. Dazu ist es schön grün, in manchen Vierteln hat es Gartenstadtcharakter. Wir fühlen uns pudelwohl.

Herr Hagen, vielen Dank für das Gespräch.