Quelle: T' HE

„Ich bin nicht ungeduldig. Ich bin zielstrebig.“

von Eva Bistrick

B304.de zu Besuch bei Tina Heller, Künstlerin aus Baldham

Sie malt jeden Tag. Wenn sie schlecht drauf ist, und wenn sie gut drauf ist, sowieso. Und Tina Heller ist meistens gut drauf. Weil sie liebt, was sie tut. So malt sie manchmal sogar nachts. Oder im Urlaub. Dann lässt sie sich vom Blick auf die Berggipfel inspirieren, während ihr Ehemann Thorben mit den beiden Töchtern zum Skifahren geht. Leinwände, zumindest kleinere, hat sie immer im Gepäck. Auch in Gardone am Gardasee, wo es die Familie fast jedes Jahr hinzieht. Welche Orte sie sonst noch inspirieren? Da ist die 46-jährige Künstlerin ganz geerdet – und formuliert (die für mich größte Weisheit des Tages) ganz klar: „Wenn ich so richtig bei mir selber bin, dann ist das für mich der inspirierendste Ort.“ Für diese Erkenntnis müssen die meisten Menschen erst viele Schritte in den eigenen Schuhen gehen. Auch ich. Was für ein Glück, dass ich diesen Gedankenanstoß bei Tina quasi nebenbei serviert bekomme, gratis, zusammen mit einem Cappuccino aus ihrer pastellrosa Kitchenette.

Tina Heller kann auch ernst

Happy Paintings: Farben, die glücklich machen
Wer Tinas Atelier im Untergeschoss eines Architektenhauses in Baldham betritt, merkt sofort: Hier wird´s bunt, hier darf es richtig knallen. Leuchtende Farben strahlen um die Wette, großformatige Leinwände stapeln sich, überall stehen (halb-)fertige Bilder, Tuben und Dosen mit Acrylfarbe, Spachtel, Pinsel, diverse Staffeleien. Und mittendrin eine blonde, lächelnde Frau, die wirkt, wie direkt aus einer Macaron-Schachtel gehüpft. Und letztlich kommt dieser zuckersüße Vergleich ihrem bunten Atelier auch ein bisschen nahe.

Schon als Kind war Tina, die eigentlich vom Niederrhein kommt und später Kommunikationsdesign in Krefeld studieren sollte, sehr kreativ unterwegs. „Wenn meine Mutter mich gesucht hat, war ich immer am Basteln oder Malen.“ Wie viele Kinder. Doch bei Tina war schnell klar, dass aus Leidenschaft einmal Beruf bzw. Berufung werden würde. Ihre erste „Auftragsarbeit“ erledigte sie noch in der Schulzeit: für ihre Schwester, die auf die Kunsthausaufgabe keine Lust hatte – für zehn D-Mark. Tina muss jedes Mal lachen”, wenn sie das erzählt: „Sie hat darauf eine Eins bekommen.“ Nach dem Studium dann der Klassiker, sie arbeitete als Grafikdesignerin in einer Agentur. Doch bis zur Berufung sollte es da noch ein Weilchen dauern …

Hier mit Pinsel in Aktion – doch am liebsten malt Tina mit den Fingern

Heute ist Tina Heller selbstständig, als Künstlerin und Designerin. Ihre kunterbunten Leinwände hingen zunächst „nur” bei ihrer Mutter im Büro einer Steuerkanzlei – und wurden bald zum Eye Catcher für Mandanten, die dort ein und aus gingen. Damals wie heute stehen Tinas leuchtende Kunstwerke für Lebensfreude und ein gewisses Augenzwinkern, und wenn man lange genug hinsieht, scheinen die Farben umherzuwirbeln und zu tanzen. „Als Künstler offenbart man auch automatisch etwas von sich”, findet die 45jährige. „Ich könnte nie etwas in schwarz malen. Wenn ein Tag mal grau ist, dann denke ich mir: Jetzt erst recht!”

Wie entscheide ich mich richtig, welches Bild zu mir passt, will ich – als absoluter Kunstbanause – wissen. Tina kennt diesen Moment gut, sie war schon unzählige Male dabei, wenn er passiert. Sie ist dankbar dafür. “Am Ende muss es kribbeln, das Herz hüpfen. Wie Liebe auf den ersten Blick.“ Das erinnert mich an den obligatorischen Tränen-Moment beim Brautkleidkauf, zumindest wie er einem im TV suggeriert wird. (Tina übrigens hat vor 9 Jahren im Winter geheiratet, nur mit ihrem Mann und der erstgeborenen Tochter, ganz ohne bunte Deko.)

Passiert es auch mal, dass sie nicht in Stimmung ist, ein Bild zu vollenden? „Natürlich. Jedes Bild braucht seine Zeit.” Eines, das noch nicht passt, bleibt also erst einmal stehen. Oder verschwindet für ein oder zwei Wochen von der Staffelei. So ein kreativer Prozess kann sich durchaus hinziehen. Wie viel Geduld darf man einem Kunstwerk geben, dessen Wert letztlich im Auge des Betrachters liegt? Tina zuckt fröhlich die Schultern. Wenn jemand schwer ein Ergebnis abwarten kann, nennt man das im Volksmund ungeduldig. “Ich bin nicht ungeduldig”, sagt Tina, „ich finde, ich bin zielstrebig”. Für sie ist klar, irgendwie, irgendwann wird es letztendlich passen und jedes Werk seinen Liebhaber finden.

Wenn ein Werk sich für sie „richtig anfühlt” – dann erst setzt sie ihr Kürzel T’HE, bewusst dezent. Namen gibt sie den Bildern nicht. „Das wäre mir zu aufgesetzt.“ Sie lacht. Und hat auch tatsächlich gut lachen: Noch nie sei es vorgekommen, dass einem Kunden eine Auftragsarbeit letztlich nicht gefallen hat. Und wenn das doch mal passieren sollte? Tina lacht: „Dann hänge ich es mir selber hin.” Und mit ein wenig Selbstironie und Seitenblick in ihr eigenes Wohnzimmer sagt sie: “Heute hat doch jeder so eine graue Couch, die einen Farbklecks braucht.”

Irgendwie ist es fast beängstigend, wie viel Power in dieser Frau steckt. „Ich weiß mein Glück zu schätzen”, sagt sie, „für das, was ich machen darf.” Doch Erfolg und Erfüllung kommen nicht von allein, auch wenn es sich vor lauter Inspiration so anfühlt. Zwischen Auftragsarbeiten, Malkursen, Vernissagen, der unvermeidlichen Buchhaltung, Grafik-Jobs, Instagram-Posts und dem täglichem Sportprogramm hat sie ja immerhin noch Ehemann, 2 Töchter, Eltern, einen Freundeskreis und vermutlich, wie jeder von uns, allerhand Verpflichtungen. Trotzdem bleibt ihr immer noch Muße für neue Ideen: Tinas Kreativität macht fast vor nichts halt. Weder vor T-Shirts, noch vor Weihnachtskugeln, Ostereiern, Glückskeksen oder Notizbüchern. Wenn es nach Tina Heller geht, kann alles zum Kunstwerk werden.

Wenn Sie mich fragen: Ich persönlich glaube, dass sich schöne Dinge ihre Besitzer aussuchen und nicht umgekehrt.

Die Ruhe vor dem kreativen Sturm: Tina Heller gibt auch Malkurse
Ein Bild von einem Bild – im wahrsten Sinne