Vier Minuten Redezeit, kein Dazwischenreden und ein Stuhlkreis statt großer Bühne: Drei Frauen aus Vaterstetten, Grasbrunn und Haar holen die Debattenkultur zurück in die Nachbarschaft. Ihr Rezept gegen gesellschaftliche Spaltung: erst zuhören, dann nachdenken. Ein Selbstversuch.
Demokratie beginnt nicht erst an der Wahlurne. Sie beginnt dort, wo Menschen einander aushalten. „Demokratie findet in unserem direkten Lebensumfeld, in unserer Nachbarschaft statt“, sagt Heike Bösl aus Grasbrunn. Zusammen mit Branka Schröder aus Baldham und Manuela Harm aus Haar hat sie eine überparteiliche Initiative gegründet. Die Mission der drei Frauen: Raus aus den überhitzten Talkshow-Schlachten und den anonymen Kommentarspalten, rein in die echte Begegnung. „Persönlich, live und in Farbe – so wie früher.“ Das ganze hat am Mittwochabend stattgefunden, bei der Vhs Vaterstetten mit rund 20 Teilnehmern. Einer davon war ich, Markus Bistrick. Eher unfreiwillig, eigentlich wollte ich nur über die erste Veranstaltung der engagierten Initiative berichten.

Vier Minuten Stille aushalten
Das Werkzeug des Abends stammt vom Verein „Mehr Demokratie e. V.“ und nennt sich „Sprechen und Zuhören“. Die Spielregeln im Stuhlkreis sind ziemlich einfach und für Diskussionsfreudige durchaus eine Qual: Vierergruppen, drei Runden, exakt vier Minuten Redezeit pro Kopf. Wer spricht, teilt persönliche Erfahrungen; wer zuhört, schweigt. Keine Gegenrede, kein wohlmeinendes „Aber“, keine Nachfragen. Wenn die Worte ausgehen, bleibt die restliche Zeit still im Raum stehen.
Wer ins Dozieren gerät oder über Dritte urteilt, bekommt ein lautloses Zeichen: die Hand auf der Brust – „Bleib bei dir.“ Was zunächst nach Selbsthilfegruppe klingt, entpuppt sich als heilsame Grenzerfahrung. Ich persönlich hatte körperliche Schmerzen, nicht nachfragen zu dürfen, schließlich bin ich Journalist geworden, um Fragen zu stellen. Da geht es nicht um mich, sondern um die Geschichte des anderen. Doch der Effekt verblüfft, jedenfalls bei einem anderen Teilnehmer: „Das ist doch das schönste Geschenk: Wann nimmt sich dein Gegenüber Zeit und hört dir einfach nur zu – ohne Bewertung?“
Die Frage des Abends: Was ist Heimat?
Das Thema des Abends ist ein Begriff, um den schon mal gerne erbittert gestritten wird: Heimat. Etwa dann, wenn es um die Hymnenpflicht bei festlichen Schulabschlussfeiern in Bayern geht. Die Bayernhymne ist verpflichtend. Beschlossen wurde zum neuen Schuljahr eine zweite Pflichthymne. Immerhin kann zwischen der deutschen Nationalhymne und der Europahymne gewählt werden. Mitsingen muss man aber nicht.
An diesem Abend wird das Wort Heimat vom Pathos befreit. „Heimat gehört uns allen“, stellt die Moderatorin klar. Für die einen ist es das vertraute Bairisch, das egal an welchem Ort sofort Nähe stiftet. Für andere der Geruch von feuchtem Laub am S-Bahnhof oder die Erinnerung an eine siebenwöchige Familienreise auf engstem Raum. Und: Heimat wandert im Lebenslauf mit. „Mit 30 fragt man sich andere Dinge als mit 60“, erzählt eine Bürgerin. Für sie ist der Ehemann der zentrale Bezugspunkt: „Er ist der Anker, an dem ich meine Gravitation aufbaue.“ Eine alleinerziehende Mutter berichtet, wie sie nach der Scheidung lernte, nicht mehr im Außen nach Halt zu suchen: „Ich finde es einfach wichtig, dass ich mich selbst bei mir beheimatet fühle.“
Dass von mir an dieser Stelle keine Namen genannt werden, ist Ehrensache. Schließlich soll das gesprochene Wort an diesem für mich durchaus denkwürdigen Abend im Vhs-Saal an der Baldhamer Straße 39 bleiben. Dinge für sich zu behalten – auch das ist ein Umstand, der für einen Journalisten wie mich nicht leicht zu ertragen ist.
Aber am Ende der Runde gibt es keine Resolution, sondern das, was Miteinander ausmacht: ein Glas Wein, angeregte Gespräche und das gute Gefühl, dass vier Minuten aufmerksamen Zuhörens manchmal mehr bewegen als jede feurige Sonntagsrede.
