MEINUNG Als neugieriger Lokaljournalist fährt man ja häufig durch Vaterstetten – und rechnet mittlerweile mit vielem. Neue Tempo 30 Zonen, Baustellen, Radfahrer, die plötzlich Vorfahrt haben – aber eher selten mit einer politischen Botschaft an einer schnöden Garagenwand.
Anders am Luitpoldring. Zwei Worte, unmissverständlich auf die Wand gesprüht: „Fick Merz“.
Ich gebe zu: Das hat mich beschäftigt. Nicht zwingend wegen der politischen Botschaft. Die ist, sagen wir mal, überschaubar komplex. Sondern wegen des Mediums.
In Zeiten, in denen praktisch jeder Mensch rund um die Uhr seine Meinung bei Facebook, Instagram, TikTok, X oder sonst wo ungefiltert in die Welt blasen kann, gibt es offenbar noch Menschen, die auf klassische Kommunikationswege setzen. Spraydose. Garagenwand. Fertig.
Kein Algorithmus. Keine Kommentarspalte. Keine Gefahr, vom Tech-Giganten wegen irgendwelcher Gemeinschaftsstandards ausgebremst zu werden. Nicht einmal ein WLAN-Passwort ist nötig. Politischer Protest, komplett analog. Fast schon nostalgisch.
Und plötzlich begann ich zu grübeln: Wer macht so etwas?
Vielleicht war es ausnahmsweise mal ein enttäuschter Best Ager, der seit Jahrzehnten sein Kreuz an derselben Stelle macht, inzwischen mit „seiner“ Partei fremdelt und Friedrich Merz kurzerhand zum persönlichen Sündenbock erklärt hat. Dafür würde zumindest die Sprache sprechen. Kein „Fuck Merz“, kein Hashtag, kein „Merz sucks“. Nein: ordentlich deutsches „Fick“. Anglizismen? Nicht mit ihm (m/w/d)!
Gut, der Satzbau hat dafür ein wenig gelitten. Aber irgendwo muss man Prioritäten setzen.
Was wiederum gegen die Best-Ager-Theorie spricht: Früher hätte man seinem Protest wohl noch ein schlagkräftiges Argument mitgegeben. „Fick Merz, weil …“ – und dann hätte der vorbeifahrende Lokaljournalist wenigstens etwas zum Nachdenken gehabt. So aber bleibt man ratlos zurück.
Was genau ist der Vorwurf? Steuerpolitik? Rente? Migration? Die CDU? Die Bundesregierung? Die Frisur? Oder war die Spraydose einfach leer, bevor es inhaltlich interessant wurde? Wir wissen es nicht.
Deshalb an dieser Stelle ein ungewöhnlicher Aufruf: Lieber unbekannter Garagenwand-Kommentator vom Luitpoldring, melde dich doch bei uns. Gerne auch analog. Brief, Postkarte, Fax – wir sind da offen. Oder zur Not auch unter dem Pseudonym “Silberrücken” als Kommentar unter diesem Beitrag. Uns würde tatsächlich brennend interessieren, was du uns sagen wolltest. Nur eben beim nächsten Mal lieber ohne fremde Garagenwand.
Denn so schön die Wiederentdeckung analoger Kommunikation auch sein mag: Wer unbefugt eine fremde Wand bemalt, bewegt sich eben nicht nur außerhalb der sozialen Netzwerke, sondern ziemlich schnell innerhalb des Strafgesetzbuchs. Und das ist es wohl nicht wert.
