Unser Wald steht vor dem Kollaps

von Markus Bistrick

Vom heute an bis Sonntag, 18. Oktober, zeigen Menschen, Kommunen, Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Vereine und viele weitere Akteure im Rahmen der Bayerischen Klimawoche wie Zukunft vor Ort gestaltet wird. Für B304.de Anlass für ein Gespräch über den Zustand der Wälder rund um Vaterstetten. Extreme Hitze und Trockenheit setzen der der Natur auch bei uns schwer zu.  Prof. Dr. Johannes Kollmann, international anerkannter Experte für Renaturierungsökologie an der Technischen Universität München (TUM), hat den Forst an der B304 und andere örtliche Wälder – wie den Kletterwald – in den vergangenen Jahren immer wieder für verschiedene Gutachten genau unter die Lupe genommen. Im Interview mit B304.de erklärt der TUM-Professor, warum Nichtstun keine Lösung ist, ob der klassische englische Rasen ausgedient hat und welche Pflanzen im eigenen Garten die besten Überlebenschancen haben.

Herr Professor Kollmann, Sie haben sich intensiv mit unseren Wäldern beschäftigt. Wie ist Ihr Eindruck?

Ich war ehrlich gesagt ein Stück weit erschüttert, wenn auch nicht wirklich überrascht. In der Region stehen viele einartige und gleichaltrige Bestände, vor allem aus Fichten und Kiefern, die ökologisch nur begrenzt wertvoll sind.

Die Bäume wurden häufig im 19. Jahrhundert gepflanzt, weil sie schnell wachsen und gute Nutzholz-Erträge liefern. Auf den durchlässigen Böden der Münchner Schotterebene sind sie aber denkbar schlecht aufgehoben. Dort versickert das Wasser schnell – und mit den zunehmend heißen und trockenen Sommern geraten diese Bestände massiv unter Druck.

Renaturierungsprofessor Johannes Kollmann von der Technischen Universität München (TUM) beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Zustand unserer Wälder und ihrer Zukunft im Klimawandel. (Foto: Markus Bistrick/B304.de)

Heißt was konkret?

Wenn bereits rund 30 Prozent der Krone fehlen und einzelne Bäume abgestorben sind, ist das ein deutliches Warnsignal. Kommen weitere Sommer mit großer Hitze und wenig Niederschlag, kann sich der Schaden schnell verdoppeln oder verdreifachen. Irgendwann kollabiert das System. Zudem besteht Waldbrandgefahr und das in der Nähe von Wohngebieten. Im Umfeld von Wohnbebauung ist Nadelwald grundsätzlich keine gute Idee, weil das sehr gefährlich ist. Man müsste die Nutzwälder, insbesondere den Bannwald, eigentlich sehr aufwändig umbauen, aber das kostet Geld und dafür müsste der Staat bezahlen, weil wir als Gesellschaft etwas davon haben und nicht ein einzelner Grundstückseigentümer.

Sie sprechen von Nutzwald.

Man muss klar zwischen Wald und Forst unterscheiden. Ein Forst ist in erster Linie ein Nutzbestand, häufig mit nur einer Baumart und Bäumen gleichen Alters. Das ist wirtschaftlich durchaus legitim. Ökologisch ist ein solcher Bestand aber etwas völlig anderes als ein vielfältiger Wald mit verschiedenen Baumarten, Altersstufen, Sträuchern, Kräutern und Totholz.

Natürlich erfüllt auch ein Fichten- oder Kiefernforst gewisse Funktionen: Er schützt vor Wind und Lärm, befeuchtet die Luft und bildet in einem gewissen Umfang Grundwasser. Aber er besitzt eben nur einen Bruchteil der ökologischen Qualität, die ein naturnaher Wald hat. Der Unterwuchs ist häufig sehr arm, es gibt kaum Blütenpflanzen und damit auch wenig Nahrung für Insekten.

Gibt es in unserer Region überhaupt ursprünglichen Wald?

Im Tiefland ist das schwierig. Dort wurde die Landschaft über Jahrhunderte sehr intensiv genutzt. Eichen wurden bereits im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gefördert, Fichten und Kiefern dann vor allem während der Industrialisierung. Auch große Teile des Ebersberger Forstes sind tatsächlich Forst. Unsere Natur ist extrem vom Menschen beeinflusst. Naturnähere Bestände findet man eher in schwer zugänglichen Bereichen des Alpenraums, aber auch dort leidet die Natur unter dem Klimawandel.

Der Zustand des Waldes entlang der B304 ist in keinem guten Zustand – die Aufnahme ist vom August 2026. (Foto: Markus Bistrick/B304.de)

Was setzt den Bäumen besonders zu: die Hitze, die Trockenheit etc.?

Entscheidend ist das Zusammenspiel. Die jährliche Niederschlagsmenge ist teilweise gar nicht so gering. Aber der Regen verteilt sich anders mit langen Trockenphasen, unterbrochen von einzelnen Starkregenereignissen. Was fehlt, ist eine gleichmäßige Durchfeuchtung des Bodens.

Ein Baum wirkt zwar mächtig und stabil, biologisch ist er aber eine ziemlich gewagte Konstruktion, denn er muss Wasser 20 oder 30 Meter nach oben transportieren. Gleichzeitig ist er langlebig und kann sich nicht kurzfristig an völlig neue Bedingungen anpassen. Gerät die Wasserversorgung aus dem Gleichgewicht, leidet die Fotosynthese, die Wurzeln werden nicht mehr ausreichend versorgt – und irgendwann bricht das ganze System zusammen.

Gilt das auch für Laubbäume?

Laubbäume sind meist flexibler. Sie haben einen großen Teil ihrer Jahresproduktion bereits im Mai und Juni abgeschlossen. Wenn sie im Hochsommer frühzeitig Blätter abwerfen, ist das zunächst eine Schutzreaktion, während die Knospen für das kommende Jahr oft schon angelegt sind.

Das heißt allerdings nicht, dass alle Laubbäume problemlos durchkommen. Birken reagieren beispielsweise empfindlich auf Trockenheit. Entscheidend ist eine Mischung verschiedener Arten. Je vielfältiger der Bestand, desto geringer das Risiko, dass durch eine Krankheit, einen Schädling oder eine lange Trockenperiode gleich alles ausfällt.

Sollte der Mensch überhaupt in die Natur eingreifen?

Der Mensch muss eingreifen. Die Natur wird ohne uns nicht sterben, aber das Ergebnis wäre für uns möglicherweise nicht mehr besonders lebenswert. Unsere Landschaft ist seit Jahrhunderten massiv durch den Menschen geprägt. Wir können nicht einfach so tun, als ließe sich der ursprüngliche Zustand zurückholen.

Unsere Vorfahren im 19. Jahrhundert wussten vieles nicht. Es gab weder die heutigen Erkenntnisse der Ökologie noch die der Klimaforschung. Wir besitzen dieses Wissen inzwischen. Deshalb wäre es verantwortungslos, nichts zu tun.

Weiß man denn heute überhaupt, welche Bäume in 80 Jahren noch funktionieren?

Mit letzter Sicherheit nicht. Die Unsicherheit nimmt zu, je weiter wir in die Zukunft schauen. Aber wir können mit hoher Sicherheit sagen, was nicht funktionieren wird: Viele der heutigen gleichaltrigen Fichten- und Kiefernbestände werden sehr schnell große Probleme bekommen.

Wir müssen uns an den Klimaprognosen orientieren und eine möglichst breite Palette robuster Baumarten einsetzen. Dazu können heimische Arten wie Hainbuche oder Traubeneiche gehören, möglicherweise aber auch Herkünfte und Arten aus Regionen, die bereits heute wärmer und trockener sind. Wichtig ist, nicht wieder alles auf eine Karte zu setzen. Ein Zukunftswald muss vielfältiger werden.

Was bedeutet der Klimawandel für den eigenen Garten?

Der kurz geschnittene und ständig bewässerte Standardrasen ist ökologisch keine gute Lösung. Er besteht aus wenigen Arten, bietet Insekten kaum etwas, braucht viel Wasser, verursacht Arbeit und kühlt weniger, als viele glauben. Stattdessen sollte man auf Langgras setzen. Flächen aufbrechen, artenreich nachsäen, Vielfalt fördern – das bringt Bestäuber und kühlt.

Manche ersetzen ihren Rasen inzwischen durch Kies oder große Terrassenflächen.

Das ist die schlechteste Antwort. Solche Flächen heizen sich stark auf. Am Ende braucht man Sonnenschirme, künstliche Kühlung oder vielleicht irgendwann den ‚Kühlpilz‘ als sommerliches Gegenstück zum Heizpilz. Das kann nicht das Ziel sein.

Mit Kletterpflanzen, Sträuchern und Bäumen lässt sich ein Haus dagegen regelrecht in Grün einpacken. Dadurch entstehen Schatten und Verdunstungskühle. In einem solchen Garten sitzt man wie in einem grünen Zimmer und braucht keine Klimaanlage.

Welche Pflanzen eignen sich?

Grundsätzlich sollte man Pflanzen wählen, die nicht sofort schlappmachen. Ein einfacher Test: Stängel abschneiden, auf den Küchentisch legen und schauen, welcher zuerst welkt. Viele trockenheitsverträgliche Arten sind gleichzeitig für Insekten attraktiv – beispielsweise Salbei, Thymian und verschiedene robuste Stauden. Weniger sinnvoll sind Pflanzen, die zwar auffällig blühen, den Insekten aber kaum Nektar oder Pollen bieten. Klassische Pelargonien, die umgangssprachlich meist Geranien genannt werden, oder Eisbegonien sehen hübsch aus, haben ökologisch aber wenig Wert. Auch der Sommerflieder ist problematisch: Er lockt zwar Schmetterlinge an, breitet sich aber stark aus und gilt als invasiv. Heimische Sträucher wie Hartriegel oder Berberitze sind meist die bessere Wahl.

Und wie sollte künftig bewässert werden?

Möglichst sparsam und gezielt. Die Vorstellung, dass das Wasser auf der Schotterebene einfach versickert und vollständig ins Grundwasser zurückkehrt, stimmt nicht. Beim Sprengen verdunstet bereits viel Wasser in der Luft. Ein weiterer Teil wird von den Pflanzen aufgenommen und wieder abgegeben. Nur ein Teil erreicht tatsächlich tiefere Bodenschichten. Einen kurz geschnittenen Rasen stundenlang zu sprengen, ist deshalb weder ökologisch noch gesellschaftlich besonders sinnvoll.

Haben wir die Dramatik der Entwicklung eigentlich verstanden?

Wir hatten bereits in den 70er und 80er Jahren erste Erkenntnisse und haben leider trotzdem nicht ausreichend gehandelt, denn Photovoltaik und Windkraft ist ja keine Hightech-Industrie. Da haben wir viel versäumt. Das ist ärgerlich und unsere Enkel und Urenkel werden uns vorhalten, dass wir das vergeigt haben. Wissenschaft kann Erkenntnisse und belastbare Daten liefern, aber viele Menschen hören sich das an und machen dann trotzdem weiter wie bisher. Das ist destruktiv. Wenn dieses Verhalten nur persönliche Folgen hätte, wäre das die individuelle Freiheit jedes Einzelnen. Aber das betrifft die gesamte Gesellschaft, nicht nur den Einzelnen und deshalb ist Nichtstun absolut verantwortungslos.

Herr Professor Kollmann, vielen Dank für das Gespräch.