Um Geld zu erbeuten, inszenieren Betrüger für Erna S. aus Haar einen medizinischen Albtraum: Ihr Sohn sei lebensbedrohlich erkrankt und könne nur durch eine sofortige Behandlung gerettet werden. Eine röchelnde Stimme des vermeintlichen Sohns am Telefon soll jeden Zweifel beseitigen. Am Ende übergibt die 94-jährige Bargeld, Ringe und Armreife, Edelmetalle und 16 Armbanduhren. Der entstandene Schaden ist sechsstellig.
Die Stimme am anderen Ende ist leise, röchelnd, kaum verständlich. Für die 94-jährige Seniorin aus Haar gibt es in diesem Moment offenbar keinen Zweifel: Das muss ihr Sohn sein. Der Sohn, der angeblich lebensbedrohlich erkrankt ist und dringend Hilfe braucht. Der Sohn, der sie übrigens immer eindringlich vor perfiden Enkeltricks und neuen Telefonbetrugsmaschen gewarnt hat. Der Sohn, der vor ein paar Stunden noch quicklebendig bei ihr saß.
Doch der Mann am Telefon ist nicht ihr Sohn. Die Stimme ist Teil eine aufwendig inszenierten, besonders perfiden Betrugsmasche.
Am Freitagabend, 21. August, wird Erna S. von einer unbekannten Frau angerufen, die sich als Ärztin ausgibt. Sie behauptet, der Sohn sei schwer erkrankt und müsse sofort in der Schweiz behandelt werden. Der Sohn hatte die Wohnung seiner Mutter zuvor gesund verlassen.
Der grundlegende Tatablauf und der sechsstellige Schaden wurden inzwischen vom Polizeipräsidium München bestätigt. Die weiteren Einzelheiten schilderte der Sohn der Betroffenen gegenüber B304.de.
Immer neue Stimmen am Telefon
Nach Angaben des Sohnes wird die 94-Jährige im Laufe des Abends insgesamt 14-mal anonym angerufen und über weite Strecken am Telefon gehalten. Mehrere Stimmen übernehmen unterschiedliche Rollen. Sie geben sich nach Erinnerung der Seniorin unter anderem als Ärzte, Klinikmitarbeiter, Professor und Vertreter einer Krankenkasse aus.
Mit medizinischen Fachbegriffen und angeblichen Messwerten wird der vermeintlich lebensbedrohliche Zustand des Sohnes immer weiter dramatisiert. Im Zusammenhang mit der angeblich notwendigen Behandlung mit Medikamenten aus der Schweiz ist nach Erinnerung der Seniorin von sehr teuren Spritzen die Rede. Nur wenn sie sofort handle, könne ihr Sohn gerettet werden.
Dann wird die Frau mit einer röchelnden Männerstimme verbunden. Der Mann spricht leise und soll ihren schwer kranken Sohn darstellen. Für die Seniorin klingt das Szenario in diesem Moment offenbar erschreckend real. Sie fragt ihn: “Brauchst du diese Spritzen wirklich?” Der künstliche Sohn bejaht.
„Was mich an diesem Fall besonders erschüttert, ist die enorme psychologische Manipulation“, sagt Sohn Stefan S. gegenüber B304.de. Obwohl seine Mutter gewusst habe, dass er die Wohnung gesund verlassen hatte, hätten die vielen Anrufe, die wechselnden Gesprächspartner und die Angst um sein Leben jedes rationale Denken überlagert.
„Dieser Betrug bestand nicht einfach nur aus einem einzelnen sogenannten Schockanruf. Hier wurde offenbar ein komplettes Szenario aufgebaut“, so Stefan S. Er beschreibt seine Mutter als fit, eigenständig, sie macht regelmäßig ihre Turnübungen, gibt als ehemalige Klavierlehrerin immer noch Stunden und geht alleine einkaufen.
Erna S. ist für ihr Alter fit – doch die Betrüger sind fitter
Im weiteren Verlauf bringen die Täter die Seniorin dazu, Bargeld und Wertgegenstände zusammenzusuchen. Nach Angaben der Familie packt sie Bargeld, Gold und Silber, Schmuck sowie insgesamt 16 Uhren in eine Sporttasche. Darunter befinden sich mehrere hochwertige Armbanduhren aus dem Besitz ihres Sohnes und finanzielle Rücklagen der Seniorin.
Zunächst soll die 94-Jährige die Tasche selbst zu einem Übergabeort bringen. Als sie das ablehnt, wird eine Abholerin angekündigt. Gegen 22 Uhr erscheint die Frau vor der Wohnung und nimmt die Tasche entgegen. Sie hatte sich zuvor unter dem Namen „Rita“ angekündigt. Nach Erinnerung der Seniorin spricht die Abholerin bei der Übergabe kein einziges Wort.
Die Polizei beschreibt die Unbekannte als etwa 30 Jahre alt und rund 1,80 Meter groß. Sie war dunkel gekleidet und trug eine Mütze.
Der entstandene Vermögensschaden liegt nach Angaben des Polizeipräsidiums München im sechsstelligen Bereich. Erst am folgenden Tag wurde der Seniorin bewusst, dass sie Opfer eines Betrugs geworden war. Daraufhin verständigte die Familie die Polizei.
Polizei sucht Zeugen
Die Ermittlungen hat das für organisierten Callcenterbetrug zuständige Kommissariat 61 übernommen. Gesucht werden Zeugen, denen am Freitagabend verdächtige Personen oder Fahrzeuge im Bereich Ferdinand-Kobell-Straße und Jagdfeldring sowie in der näheren Umgebung aufgefallen sind.
Hinweise nimmt das Polizeipräsidium München unter der Telefonnummer 089 2910-0 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.
Reagieren Sie richtig!
Krankenhäuser verlangen niemals die Übergabe von Bargeld, Schmuck oder anderen Wertgegenständen an unbekannte Personen. Wer mit einer angeblichen Notlage eines Angehörigen konfrontiert wird, sollte das Gespräch beenden und den Betroffenen unter seiner bekannten Telefonnummer selbst anrufen.
Dabei nicht die Rückruftaste verwenden. Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, übergeben Sie kein Geld und verständigen Sie im Zweifel die Polizei unter 110.
