Eigentlich wollte sie ihren runden Geburtstag gar nicht groß feiern. Doch daraus wurde nichts: Die ganze Nachbarschaft ließ es sich nicht nehmen, persönlich vorbeizukommen, um Helene Spießl zu gratulieren und diesen besonderen Tag mit ihr zu teilen. Und so wurde es – ganz ungeplant – doch noch eine richtige Geburtstagsfeier.
Schuhe in Größe 43
Geboren und aufgewachsen als älteste von drei Geschwistern auf einem Bauernhof in Niederbayern, nahe Straubing, hat Helene früh gelernt, anzupacken. Ihre Schulzeit endete nach der 8. Klasse auf ungewöhnliche Weise: „Dann hat mein Vater mit der Lehrerin geredet und gemeint, dass ich doch jetzt schon genug gelernt hätte und arbeiten könnte. Ab da war ich nur noch einmal die Woche in der Schule.“ Es sind Erinnerungen, die sie bis heute mit einem Schmunzeln erzählt – genauso wie die Geschichte von den viel zu großen Schuhen: „Mit meinem Bruder ist mein Vater mal in die Stadt gefahren, weil ich neue Schuhe gebraucht habe. Er kam mit einem Paar in Größe 43 zurück und meinet, da wächst du schon noch rein. Ich habe die dann einfach vorne mit Zeitungspapier ausgestopft. So haben sie schon gepasst.“
Früh führte sie ihr Weg in die Arbeit – zunächst in einen Haushalt nach Baiernrain, doch die Sehnsucht nach Tieren blieb. „Einmal kam ein Milchkontrolleur vorbei und hat mich abgeworben. Dann bin ich Zuchtwart geworden.“ Als einzige Frau in einer Männerdomäne war sie mit dem Fahrrad unterwegs, von Hof zu Hof, um die Milchqualität zu überprüfen. „Im Winter war das weniger schön“, erinnert sie sich zurück.
Die Liebe zu den Tieren zog sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben. Auf Gut Möschenfeld, wo sie auch ihren Mann Josef kennenlernte, kümmerte sie sich nicht nur um Haus und Garten, sondern auch um die Tiere. Dass sie dabei sogar mit einem Ziegenbock und einer Ziege per Fahrrad unterwegs war, passt zu ihr – pragmatisch, eigenwillig und voller Lebensfreude.
Verbundenheit mit Möschenfeld
Ein Herzensort ist für Helene Spießl bis heute die Kirche St. Ottilie in Möschenfeld. Dort hat sie geheiratet – und sich über fünf Jahrzehnte hinweg mit außergewöhnlichem Engagement um das Gotteshaus gekümmert. Sie bereitete unzählige Gottesdienste und Hochzeiten vor, hielt die historische Kirche in Schuss und zeigte sie gerne der Öffentlichkeit. „2010 stand Karl-Theodor zu Guttenberg vor der verschlossenen Kirche, als ich zufällig vorbeikam. Ich hab ihn dann reingelassen und ihm die Kirche gezeigt. Sie hat ihm gefallen.“ Zu Helenes Freude wurde sie daher sogar in Guttenbergs Rede beim traditionellen Keferloher Montag lobend erwähnt.

Auch heute, mit 90 Jahren, ist Helene Spießl alles andere als ruhig und lebt vor allem ihre Tierliebe weiterhin aus: Mindestens zweimal täglich fährt sie zum nahegelegenen Reitsberger Hof, um sich um Ziegen, Schafe und Hühner zu kümmern. Der Tag beginnt für sie früh – sehr früh sogar: „Wenn um halb vier morgens die Zeitung kommt, bin ich schon wach“, erzählt sie lachend. Bestens informiert über das Weltgeschehen und alles, was in der Gemeinde passiert, gibt sie ihr Wissen gerne weiter. „Wenn Helene zu mir auf den Hof kommt, informiert sie mich gleich, was alles in der Weltgeschichte passiert ist“, erzählt Georg Reitsberger, der sich über die Besuche der rüstigen Dame immer freut.
Nach einem kurzen zweiten Schlaf am Morgen widmet sie sich ihrer anderen Leidenschaften, dem Garten, in dem es an allen Ecken blüht: „Meine Tomatenpflanzen sind schon ordentlich am Wachsen“, freut sich Helene. Und auch als passionierte Schwammerlsucherin ist die Jubilarin bekannt. Hier ist sie nicht nur erfolgreich, sondern kann ihre Funde auch „hervorragend zubereiten“, wie Georg Reitsberger weiß.
Mit 90 noch voller Energie
Auch schwere Zeiten hat sie mit bemerkenswerter Stärke gemeistert. Der Verlust ihres Mannes Josef im Jahr 2021 ist ein tiefer Einschnitt, doch Helene kümmert sich liebevoll um sein Grab in Möschenfeld. Und selbst eine gebrochene Hüfte vor zwei Jahren konnte sie nicht aus der Bahn werfen. Sie versorgt sich, ihr Haus und ihren Garten bis heute alleine – mit einer Selbstverständlichkeit, die beeindruckt.
Helene Spießl ist ein Mensch, der nie stehen geblieben ist. Einer, der anpackt, sich kümmert, interessiert bleibt und das Leben – mit all seinen Höhen und Tiefen – mit festem Willen annimmt.
Zum 90. Geburtstag wünschen wir ihr von Herzen Gesundheit, viele schöne Momente – und noch ganz viele Fahrten zum Reitsberger Hof.
