Wenn Alltagshürden sichtbar werden

von b304

Der Gemeindesaal der Jesuskirche war – wie an jedem dritten Sonntag im Monat  gefüllt. Rund 25 Menschen hatten sich zum Handicap-Treff im Februar eingefunden, manche im Rollstuhl, andere mit Rollator oder auf Krücken, sogar ein Blindenstock war dabei. Dazwischen Haarer Bürgerinnen und Bürger ohne Handicap, die sich einfach für die Belange ihrer Mitmenschen interessieren. Die Atmosphäre war, wie so oft, eher familiär als formell: Butterbrezen, frischer Kaffee, leise Gespräche.

Organisatorin Bettina Endriss-Herz eröffnete die Runde pünktlich und begrüßte die Vertreter des VdK-Ortsverbands Haar, Michaela Heyne und Paul Peter Gantzer, außerdem zwei Bürgermeisterkandidaten sowie die fleißigen Helferinnen und Helfer des Behindertenbeirats. Endriss-Herz sprach ruhig, aber mit Nachdruck – vielleicht auch, weil sie selbst wusste, wie schnell sich ein Leben verändern kann. Früher sportlich und gesund, sei sie durch eine MS-Erkrankung inzwischen auf den Rollstuhl angewiesen. „Man betrachtet die Welt dann aus einer anderen Perspektive“, sagte sie. Ein Satz, der im Raum blieb.

„Man könne sich das kaum vorstellen“

Dann ging das Wort an die Gäste. Zwei Besucher berichteten von einer zurückliegenden Kinderlähmung und wiesen auf ihre jetzt körperlich sichtbare Gehbehinderung hin. Als wäre das noch nicht genug, erzählten beide von Problemen ihres Umfelds mit diesen Einschränkungen – Wer schief läuft, bekommt schräge, gesellschaftliche Blicke, heimlich über die Schulter, die man kaum ausblenden kann. Das tut weh! Und dann ist da noch die stille Trauer, die entstehe, wenn der eigene Körper einem plötzlich einen Strich durch die Rechnung mache. Denn dann wird nicht nur ein Bein oder ein Muskel  ausgebremst, sondern oft der ganze Mensch.

Ein Mann mit einer Beinbehinderung erzählte anschließend, wie aggressiv Menschen reagieren können. Nach einem Unfall war sein Knie steif geblieben, sein Gang auffällig. In Bus und Bahn sei er sogar körperlich attackiert worden, weil andere glaubten, er strecke absichtlich sein Bein in den Gang. Sein Fuß, den er aufgrund der Einschränkung aber nicht anders positionieren konnte, sei sogar mehrfach mit Stöcken geschlagen worden – ein Erlebnis, das ihn bis heute verunsichere.  “Ich konnte mich nicht anders hinsetzen“, sagte er. Ein Satz, der viel über Barrieren erzählte, die nicht aus Beton bestanden.

Die Besucherin mit der Kinderlähmung berichtet auch noch, wie schwer es ihr, besonders im Winter, falle, Haus und Garten zu versorgen. „Ich war so dankbar, als jemand einfach Schnee schaufelte, ohne viel Aufhebens“, sagte sie. Solche Momente seien jedoch selten geworden.

Misstrauen, Bürokratie, digitale Hürden

Ein weiterer Gast schilderte, wie er nach einer Impfung schwere gesundheitliche Probleme entwickelt habe – bis in den Rollstuhl. Jetzt kämpfe er mit Behörden und Ärzten und fühle sich auch im öffentlichen Raum von den Mitmenschen misstrauisch beäugt. Einmal habe ihn ein Busfahrer sogar der Polizei übergeben wollen, weil er keinen Behindertenausweis vorzeigen konnte. Die gültige Fahrkarte reichte nicht.

Diese Erzählung regte zu heftigen Diskussionen an. Plötzlich sprachen alle über wachsende soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Wer kein Smartphone besitze, keinen Computer bedienen könne oder an komplizierten Formularen scheitere, drohe aus dem gesellschaftlichen Leben zu fallen. Viele fühlten sich im „Behördendschungel“ verloren, ohne klaren Ansprechpartner, oft von Stelle zu Stelle geschickt.

(Foto: Handicap-Treff)

Vorschläge – und ein Wunsch

VdK-Vertreterin Michaela Heyne verwies auf Hilfsangebote: Webseiten in leichter Sprache, Pflegestützpunkte, die VdK-Hotline, das Sozialamt, die Seniorenbeauftragte. Doch sie wusste auch, dass das nicht ausreiche. Immer wieder wurde an diesem Mittag ein Wunsch laut: Eine bessere Vernetzung zwischen den Hilfsangeboten und weniger Ping-Pong zwischen den Ämtern. Mehr Orientierung für Menschen, die ohnehin schon genug zu tragen hatten. Der nächste Pflegestützpunkt für die Haarer Bevölkerung befindet sich leider in Riem.

Am Ende blieb der Eindruck eines Treffens, das nicht nur Probleme benannte, sondern sichtbar machte, wie viel Kraft Menschen aufbringen, um ihren Alltag zu bewältigen. Und wie viel leichter manches wäre, wenn Verständnis nicht die Ausnahme, sondern zur Regel würde.

(Text: Bettina Endriss-Herz)